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 Friedrich von Schiller, Hans Christian Andersen, Andreas Jakob Romberg und das Lied von der Glocke
"Die alte Kirchenglocke" von Hans Christian Andersen
Im deutschen Lande Württemberg, wo die Akazien an der Landstraße so herrlich blühen und die Apfel- und Birnenbäume im Herbst von reichem Segen strotzen, liegt eine kleine Stadt, Marbach; es ist eine ganz unscheinbare Ortschaft, aber schön liegt sie am Neckar, der an Städten, alten Ritterburgen und grünen Weinbergen vorübereilt, um seine Wasser mit dem stolzen Rhein zu mischen.Es war spät im Jahr, das Weinlaub hatte sich rot verfärbt, Regenschauer fielen herab, und der kalte Wind nahm zu; es war nicht eben die munterste Zeit für die Armen; es kamen finstere Tage, und noch finsterer war es drinnen in den alten Häuschen. Eines davon lag mit dem Giebel zur Straße, mit niedrigen Fenstern, arm und gering von Aussehen, und das war die Familie ja auch, die hier wohnte, aber brav und fleißig; dazu mit Gottesfurcht in der Schatzkammer des Herzens. Noch ein Kind würde der Herrgott ihnen bald bescheren; es war die Stunde, da die Mutter in Schmerzen und Not lag, da ertönte vom Kirchturm Glockenklang zu ihr herein, so tief, so festlich, es war eine Feierstunde, und der Ton der Glocke erfüllte die Betende mit Andacht und Glauben; die Gedanken erhoben sich so innig zu Gott, und in derselben Stunde gebar sie ihren kleinen Sohn und fühlte sich so unendlich froh. Die Glocke im Turm schien ihre Freude über Stadt und Land hinauszuläuten. Zwei helle Kinderaugen blickten sie an, und das Haar des Kleinen glänzte, als wäre es vergoldet; das Kind wurde mit Glockenklang in der Welt empfangen an jenem dunklen Novembertag; Mutter und Vater küßten es, und in ihre Bibel schrieben sie: "Gott schenkte uns am zehnten November 1759 einen Sohn," und später wurde hinzugefügt, daß er in der Taufe die Namen "Johan Christoph Friedrich" erhielt. Und der Kleine wuchs heran, und die Welt wuchs für ihn, zwar zogen die Eltern an einen anderen Ort, aber beim ersten Besuch in Marbach hatte der Ort sich nicht weiter verändert, es war ja auch nicht so sehr lange her, seit sie fortgezogen waren; die Häuser standen wie früher da, mit spitzen Giebeln, schiefen Mauern und niedrigen Fenstern; auf dem Kirchhof waren neue Gräber hinzugekommen, und dort, ganz dicht an der Mauer, stand jetzt unten im Gras die alte Glocke, sie war von ihrer Höhe heruntergestürzt, hatte einen Riß bekommen und konnte nicht mehr läuten, eine neue war an ihre Stelle gekommen.
Und das Erz floß glühend in die Form, die alte Kirchenglocke -- ja, niemand dachte an deren Heimat und ihr erstorbenes Klingen, die Glocke floß mit in die Form und bildete Kopf und Brust der Statue, so wie sie heute in Stuttgart vor dem alten Schloß enthüllt steht, auf dem Platz, wo er, den sie darstellt, als lebendiger Mensch umherging, im Kampf und im Streben, bedrückt durch die Welt um ihn herum, er, der Knabe aus Marbach, der Schüler der Karlsschule, der Flüchtling, Deutschlands großer, unsterblicher Dichter, der von dem Befreier der Schweiz und Frankreichs gottbeseelter Jungfrau sang.
Es war ein herrlicher, sonniger Tag, Fahnen wehten von Türmen und Dächern im königlichen Stuttgart, die Kirchenglocken läuteten zu Fest und Freude, nur eine Glocke war stumm, sie leuchtete im hellen Sonnenschein, leuchtete von Antlitz und Brust der Ruhmesgestalt; es war gerade hundert Jahre her seit jenem Tag, da die Glocke im Turm zu Marbach Freude und Trost für die leidende Mutter läutete, die ihr Kind gebar, arm im ärmlichen Haus, dereinst ein reicher Mann, dessen Schätze die Welt segnet; er, der Dichter des edlen Frauenherzens, der Sänger des Großen und Herrlichen, Johan Christoph Friedrich Schiller.
Diese Geschichte von Hans Christian Andersen zeugt von der Berühmtheit, die Friedrich Schiller und sein Glockenlied mit dem vorangestellten Motto "Vivos voco. Mortuos Plango. Fulgura frango." (Die Lebenden rufe ich. Die Toten beklage ich. Die Blitze breche ich bis weit über die Grenzen seines Vaterlandes hinaus erlangten. Es ist die Inschrift der berühmten Münsterglocke von Schaffhausen aus dem Jahre 1486.
"Festgemauert in der Erden
Steht die Form aus Lehm gebrannt.
Heute muß die Glocke werden,
Frisch, Gesellen, seid zur Hand![...]"
Die Kirchenglocken haben ehedem nicht nur die Menschen vor 200 Jahren mit ihrem Geläute von der Geburt bis zum Tode durch den Tag begleitet, gleichzeitig waren sie erfüllten sie auch die Funktion von Blitzableitern in einer Zeit, deren Städte und Ortschaften aufgrund überwiegender Holzbauweise und mangelnden Brandschutzmaßnahmen besonders feuergefährdet waren.
Schiller an Goethe. Jena, 7. Juli 1797
" [...]Ich habe jetzt überlegt, daß der musikalische Teil des Almanachs vor allen Dingen fertig sein muß, weil der Komponist sonst nicht fertig wird. Deswegen bin ich jetzt an mein Glockengießerlied gegangen und studiere seit gestern in Krünitz Encyclopädie, wo ich sehr viel profitiere. Dieses Gedicht liegt mir sehr am Herzen, es wird mir aber mehrere Wochen kosten, weil ich so vielerlei verschiedene Stimmungen dazu brauche und eine große Masse zu verarbeiten ist.[...]"
Da er die Arbeit an seiner Glockenballade wegen seines "Wallenstein" unterbrechen mußte, konnte er erst in einem Brief vom 29. September 1799 mitteilen, dass sein Glockengießerlied abgeschlossen sei.
Schiller, der (nicht nur) in den "Briefen zur ästhetischen Erziehung des Menschen" bekannte, dass für ihn das "vollkommenste aller Kunstwerke... der Bau einer wahren politischen Freiheit" sei, hatte die französische Revolution zunächst mit großer Teilnahme und noch größeren Hoffnungen verfolgt.
Die französische Nationalversammlung wählte den Dichter der "Räuber" zum Ehrenbürger der französischen Revolution. "Monsieur Giller, publiciste allemand" wurde am 26. August 1792 einstimmig zum "Citoyen francais" erhoben. Schiller erfuhr von dieser Ehrung aus den Zeitungen, denn die Urkunde selbst erreichte ihn erst ein halbes Jahrzehnt später, am 1. März des Jahres 1798 gleichsam "aus dem Reich der Toten," wie er feststellte, denn alle Männer, welche die Urkunde unterschrieben hatten, waren längst der Guillotine zum Opfer gefallen". Anarchie und Terror im Gefolge der französischen Revolution hatte Schiller schon bald seine Hoffnungen von Freiheit und Gleichheit begraben lassen!
"Freiheit und Gleichheit hört man schallen:
Der ruh'ge Bürger greift zur Wehr,
Die Straßen füllen sich, die Hallen,
Und Würgerbanden ziehn umher."
Neben den großen Themen über Staat und Individuum, die in der "Glocke" behandelt werden, führt Schiller in kleinen Szenen auch die wichtigsten Ereignisse aus dem Leben eines Menschen vor Augen und verknüpft sie mit dem Klang der Glocken.
Körner an Schiller, 6. November 1799
Das Lied von der Glocke kann sich besonders neben Deine vorzüglichsten Produkte stellen. Es ist ein gewisses Gepräge von deutscher Kunst darin, wie in dem Gange nach dem Eisenhammer, das man selten echt findet, und das manchem bei aller Prätension auf Deutschheit sehr oft mißlingt.
Wilhelm von Humboldt an Schiller. Paris, 16. Junius 1800
Das Lied von der Glocke hat mir Sie sehr lebhaft wieder vor Augen gestellt. Es ist eine eigene und eine äußerst genievolle Produktion.
Es gibt gewisse Kunstwerke, die ich nordische nennen möchte, weil sie weder das Altertum, noch der Süden hätten hervorbringen können. Ein Muster dieser Gattung in ihrer höchsten idealischen Erweiterung möchte ich Ihr Lied von der Glocke nennen.
Spätestens mit seinem "Lied von der Glocke" war Schiller zum "Dichter des Volkes" und zum "Liebling der Nation" geworden, wie sich bei den Feiern zu seinem 100. Geburtstag im Jahre 1859 zeigte. Die Feste dauerten bis zu einer Woche und wurden auch in Paris, Stockholm, Amsterdam, Prag, Bukarest, St. Petersburg, Warschau, Smyrna, Konstantinopel und Algier begangen. Natürlich auch in Mainz und Wiesbaden.
Zum Beispiel beantwortet die "Mittelrheinische Zeitung" am 10. November 1859 die Frage, warum gerade Schiller der "Liebling der Nation" sei, folgendermaßen: "Seine Begeisterung für die höchsten Güter der Menschlichkeit Freiheit und Wahrheit ist es, das jeden... Geist für Schiller erwärmt, begeistert, entflammt."
Und anläßlich der Errichtung des Schiller-Denkmals in Mainz ruft der Festredner Prof. Karl Klein aus:
"Wir setzen Schiller ein Denkmal,... weil er unser größter Volksdichter ist,
weil er ein großer Dichter der Humanität, unser größter Welt-Dichter und weil er unser Befreiungs-Dichter ist.Wie Homer... in jedes Griechen Brust lebte, in jeder Stadt, in jedem Dorfe, in jedem Haus ein Denkmal hatte: so verdient unser Dichter, daß ihm in jeder deutschen Stadt ein Denkmal errichtet, in jedem Dorfe eine Büste gesetzt, in jedem Haus ein Bild aufgestellt werde, damit wir unsern Lieblingsdichter, den wir im Herzen tragen, stets mit den Augen sehen ... können."
Es gab mehrere Versuche, die Glocke in Musik zu setzen, doch die meisten verliefen nicht glücklich. Erst Andreas Romberg, dem ehemals kurkölnischen Hofmusiker an der Seite Ludwig van Beethovens gelang im Jahre 1809 eine, wenn auch nicht ideale, so doch interessante und in einigen Teilen auch schöne Vertonung. (Vgl. nachfolgende Seite mit der originalen Titelseite von Rombergs Vertonung des "Glockenliedes".)

Andreas Jakob Romberg (1767-1821)
Das Lied von der Glocke (1799)
"Festgemauert in der Erden
Steht die Form aus Lehm gebrannt.
Heute muß die Glocke werden,
Frisch, Gesellen, seid zur Hand!
Von der Stirne heiß
Rinnen muß der Schweiß,
Soll das Werk den Meister loben,
Doch der Segen kommt von oben."
[…]
Violinist und Komponist war wie sein Bruder Bernhard von 1790 bis 1793 Mitglied der Bonner Hofkapelle unter Kurfürst Maximilian Franz von Österreich. Der Hofkapelle gehörte zu dieser Zeit - bis zu seinem Weggang nach Wien am 2. November 1792 - auch Ludwig van Beethoven und Nikolaus Simrock an, der nach dem Ende der kurfürstlichen Zeit in Bonn sein damals schon begonnenes Verlagsgeschäft weiterführte und zu einem der bedeutendsten in Europa machte. Sein früherer Kollege Andreas Romberg hat im Verlag von Nikolaus Simrock als sein op. 25 die Vertonung von Schillers "Lied von der Glocke" herausgebracht. Sein fast altersgleicher Bonner Musikerkollege Beethoven hat sich noch in Bonn mit Schillers 1785 veröffentlichter Ode "An die Freude" befasst. Ihren Text verwendete Beethoven für den Schlussatz seiner Neunten Symphonie (Symphonie in d-Moll, mit Schlusschor über Schillers Ode "An die Freude" (heute auch die offizielle Europa-Hymne), op. 125, die am 7. Mai 1824 im Kärtnertor-Theater in Wien vor über 2000 Besuchern uraufgeführt worden ist. Rombergs Glockenlied von 1809 fand nicht die gleiche Verbreitung, gilt aber angesichts der schwierigen Umsetzung des strophenreichen Liedes - Rombergs Vertonung gilt als die erste geglückte - als anerkannte Kompositionsleistung!
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