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Fanny Hensel

Fanny Hensel

geb. Mendelssohn-Bartholdy



(1805 - 1847)





Im Schatten des kleinen Bruders
Fanny Hensel - eine spät emanzipierte Komponistin

»Die Musik wird für ihn vielleicht Beruf, während sie für Dich stets nur Zierde, niemals Grundbaß Deines Seins und Tuns werden kann und soll.« - So schrieb der eigentlich liebevolle Vater Abraham Mendelssohn seiner fünfzehnjährigen Tochter Fanny. Mit »ihn« meinte das Familienoberhaupt natürlich keinen Geringeren als den über drei Jahre jüngeren Felix, dem somit bereits als Junge die Komponistenlaufbahn nahegelegt wurde. Dennoch verstand es die Tochter aus gutem Hause, sich allmählich gegen den Willen ihrer männlichen Angehörigen auf musikalischem Gebiete durchzusetzen. Sie hinterließ uns eine ganze Reihe interessanter Kompositionen und zählt zweifelsohne zu den markanten Persönlichkeiten des neunzehnten Jahrhunderts.

Die Umstände schienen günstig: In Hamburg leitete Abraham Mendelssohn eine Filiale des florierenden Bankhauses, das seiner Familie in Berlin gehörte. Es sollte den Wohlstand der Mendelssohns über Generationen sichern. So wurde Fanny am 14. November 1805 in eine solide bürgerliche Familie hineingeboren, bar aller materieller Sorgen. Dennoch waren es unruhige Zeiten in Europa: Napoleon herrschte über weite Teile des alten Kontinents, und auch Hamburg wurde von seinen Truppen besetzt. So entschied sich Vater Abraham im Sommer 1811 zur Flucht nach Preußen. Seine Frau Lea und ihre drei Sprößlinge Fanny, der gerade zweijährige Felix und die im April geborene Rebecka waren natürlich mit von der Partie. Aus der Not sollte eine Tugend werden: Das von Napoleon befreite Berlin entwickelte sich rasch zu einem gesellschaftspolitischen und künstlerischen Zentrum im Herzen Deutschlands. Musikvereine, wie die von Christian Friedrich Fasch ins Leben gerufene Singakademie oder die allmählich aufblühende Salonkultur bildeten den Nährboden, auf welchem die Begabungen der Mendelssohnschen Kinder gedeihen konnten.

Ein Tor in die Bürgerlichkeit: die christliche Taufe
Preußen bot einen weiteren Vorteil: die religiöse Toleranz. Erstmals im Jahre 1808 erhielten auch die Juden die Bürgerrechte, und vier Jahre später wurde eigens ein Emanzipationsgesetz durch den König erlassen. Trotz der offenen Atmosphäre entschlossen sich die Eltern Mendelssohn jedoch zu einem innerfamiliär nicht unumstrittenen Integrationsschritt: im März 1816 ließen sie ihre Kinder in der Neuen Kirche zu Berlin evangelischreformiert taufen. Die Familie nahm »Bartholdy« als zweiten Namen an. Es bleibt zu vermuten, dass wohl mehr der Wunsch nach völliger gesellschaftlicher Anerkennung für die Kinder als eine tiefe religiöse Überzeugung Pate gestanden haben. So schrieb Abraham seiner Tochter Fanny zur Konfirmation im Jahre 1820: »Wir haben Euch, Dich und Deine Geschwister, im Christentum erzogen, weil es die Glaubensform der meisten gesitteten Menschen ist und nichts enthält, was Euch vom Guten ableitet ...«. Wie auch immer, einer Integration der Kinder in die preußische Gesellschaft stand nun äußerlich nichts mehr im Wege. Es fehlte nur noch eine innere Voraussetzung: Eine umfassende Ausbildung.

Bildung als Ideal
Spätestens seit der Zeit des Philosophen und Schriftstellers Moses Mendelssohn hatte die Bildung einen besonderen Stellenwert in der Familie. Der Großvater von Fanny und Felix zählte zum Freundeskreis um Lessing und gilt als einer der Hauptvertreter der Aufklärung in Preußen. So wundert es nicht, dass auch Abraham das Bestreben seines Vaters aufgriff und seinen Kindern einen umfassenden literarischen, philosophischen, naturwissenschaftlichen und natürlich auch musikalischen Unterricht zukommen ließ. Vor allem die Klavierstunden beim seinerzeit berühmten Komponisten und Virtuosen Ludwig Berger prägten die Jugend der Mendelssohnkinder. Die Früchte seines pädagogischen Bemühens wurden alsbald hörbar: Fanny konnte bereits im Alter von dreizehn Jahren die 24 Präludien des Wohltemperierten Klaviers von Johann Sebastian Bach auswendig vorspielen. Eine Darbietung dieser Werke machte sie schließlich ihrem Vater zum Geburtstagsgeschenk. Nebenbei lernten die begabten Kinder auch das Orgelspiel. Über ihren Alltag weiß der elfjährige Felix zu berichten: »Uebrigens habe ich mit Fanny zusammen zwei Geschichtsstunden, zwei Rechenstunden, einmal Geographie, und einmal Deutsche Sprache. ... Auch gehe ich Montag und Dienstag auf die Singakademie, wo ich sehr schöne Sachen höre. Der Herr Professor Zelter befindet sich recht wohl, er kommt wöchentlich zweimal zu uns.« Dieser Kontakt zum Komponisten und Musikpädagogen Carl Friedrich Zelter prägte somit die Jugend von Fanny und Felix. Bereits 1820 traten die beiden Geschwister in die inzwischen vom Goethefreund geführte Sing- Akademie ein. Sie stellte als explizit gemischter Chor zugleich auch einen Ort der Frauenemanzipation in Preußen dar.

Salonkultur im Spreeathen
Wichtiger noch als die Akademie dürfte für Fanny jedoch die Einrichtung der »Sonntagsmusiken« im Jahre 1823 gewesen sein. Initiator war Abraham Mendelssohn. Er wollte seinen Kindern ein Forum bieten, in welchem sie sich vor einem auserlesenen Publikum als Pianisten und als Komponisten präsentieren konnten. Dabei hatte Fanny bereits im Jahr zuvor ihre ersten wichtigen Kammermusikwerke geschaffen: Das Klavierquartett As-dur und die Klaviersonate cmoll. Gleichzeitig ermöglichten die allwöchentlichen Veranstaltungen den Kindern aber auch die Begegnung mit einheimischen Künstlern. Abraham engagierte für die häuslichen Konzerte sogar Musiker der königlichen Kapelle. Ein Freund von Felix, Eduard Devrient, weiß zu berichten: »Des Sonntags Abends pflegte sich jetzt der größere Kreis im Mendelssohnschen Hause zu versammeln, der sich im Sommer halb im offenen Gartensaale, halb im parkartigen Garten einrichtete ... Hier wie im Wintersalon waren aber Clavierspiel und Gesang das Bindemittel der Geselligkeit.« Diese Soireen bildeten zugleich das musikalische Gegenstück zu den zahlreichen literarischen Salons, mit denen Persönlichkeiten wie Henriette Herz oder Rahel Varnhagen das kulturelle Leben im Berlin des neunzehnten Jahrhunderts prägten. Dabei waren im Mendelssohnschen Hause nicht nur Berliner Künstler zu Gast. Häufig fanden auch reisende Komponisten oder Virtuosen den Weg in die Leipziger Straße 3, so beispielsweise im Jahre 1829 der »Teufelsgeiger « Paganini.

Ein verständlicher Lebenspartner
Im Jahr des Paganini-Besuches fällt Fanny eine ihrer wichtigsten und zugleich glücklichsten Entscheidungen ihres Lebens: Sie heiratet den preußischen Kunstmaler Wilhelm Hensel. Die Orgelwerke zu ihrer Hochzeitsfeier komponierte Fanny gleich selber. Es sollte eine glückliche Beziehung werden, denn nun hatte die Komponistin einen Lebenspartner gefunden, der als Künstler nicht nur Verständnis für die Begabung seiner Frau hatte, sondern der ihre musikalischen Ambitionen förderte. Oft illustrierte Hensel Fannys Werke mit kleinen Vignetten, so beispielsweise ihr wohl bedeutendstes Klavierwerk, den Zyklus »Das Jahr«. In dieser Sammlung aus dem Jahre 1841 wird jeder der zwölf Monate mit einem Charakterstück musikalisch beschrieben. Bestärkt durch ihren Mann, trat Fanny kompositorisch aus dem Schatten ihres kleinen Bruders und traute sich nun auch selber an größere Formen heran: mit Beginn der Dreißigerjahre schuf sie ihre wichtigsten Vokalwerke, darunter die Kantaten »Lobgesang« und »Hiob«. Gleichzeitig übernahm sie die Leitung der Sonntagsmusiken, die nach dem Weggang Felix' aus Berlin zu verwaisen drohten. Jedoch sollte es nur ein einziges Mal sein, das Fanny den Rahmen dieser häuslichen Veranstaltungen verließ: Im Februar 1838 trat sie in einem Wohltätigkeitskonzert auf. Bezeichnenderweise gab sie dabei keine eigenen Werke zum Besten, sondern spielte das Klavierkonzert g-moll (op. 25) ihres kleinen Bruders Felix.

Geschwisterliche Nähe
Die Nähe der beiden Geschwister ging sogar so weit, dass Felix einige Jahre zuvor mehrere Lieder seiner Schwester als eigene Kompositionen herausgegeben hatte. Auch riet er Fanny davon ab, selber zu edieren, denn er hielt »das Publizieren für etwas Ernsthaftes« und glaubte, dass man es nur tun sollte, »wenn man als Autor sein Leben lang auftreten und dastehen will.« Gleich dem Vater hielt auch Felix nicht viel von einer musikalischen Karriere seiner Schwester und schrieb der Mutter Lea: »Und zu einer Autorschaft hat Fanny, wie ich sie kenne, weder Lust noch Beruf - dazu ist sie zu sehr eine Frau, wie es recht ist, sorgt für ihr Haus und denkt weder an das Publikum noch an die musikalische Welt.« Vor diesem Hintergrund verwundert es nicht, dass sich Fanny erst sehr spät auch öffentlich völlig emanzipierte und zur Edition einiger weniger Werke entschloß: Im Jahre 1846 gab sie ihre »Sechs Lieder« op. 1 in Berlin heraus, zu Beginn des folgenden Jahres weitere Lieder. Es sollte zugleich ihre letzte Veröffentlichung sein, denn bereits am 14. Mai 1847 starb Fanny im Alter von gerade mal 41 Jahren in Berlin. Dabei wurde sie wahrhaft »aus dem Leben gerissen «, denn sie erlitt während der Proben zu den Sonntagsmusiken einen Gehirnschlag - vielleicht sogar ein schönes Lebensende für eine Künstlerin. Mit Fanny verschied zugleich die wichtigste Kritikerin, musikalische Beraterin und Freundin von Felix: So wurde ihr Tod für ihren inzwischen berühmten Bruder ein Schlag. Er erlitt einen Nervenzusammenbruch, von welchem er sich nicht mehr erholte. Nur wenige Monate nach seiner Schwester verschied auch Felix Mendelssohn aufgrund eines Hirnschlags. Fanden schon Felix' Werke nicht zuletzt der bösartigen Propaganda von Richard Wagner und später der Nazis wegen teilweise kaum die ihnen gebührende Beachtung, so gilt dies um so mehr für das quantitativ geringere, aber qualitativ häufig ebenbürtige kompositorische Vermächtnis von Fanny Hensel. Nur wenige Künstler wussten bislang das Leben und Werk der spät emanzipierten und leider noch immer unbekannten Künstlerin so zu schätzen, wie der französische Komponist Charles Gounod: »Madame Hensel war eine außergewöhnliche Musikerin, eine bemerkenswerte Pianistin, eine Frau von hohem Geist, klein, schmächtig, aber von einer Energie, die man in ihren dunklen Augen ahnen konnte und in ihrem Blick voll Feuer.«

Wolfgang Sand

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