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Spaziergang durch Bonn:
Stätten der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft und der Kriegszerstörung im heutigen Stadtbild:
90minütiger Gang, beginnend am StadtMuseum:
Im nationalsozialistischen Bonn spielten noch heute existierende Gebäude eine bestimmte Rolle; Straßen und Plätze waren nach Nationalsozialisten benannt. Nach dem Krieg wurden Gedenksteine und Gedenktafeln eingeweiht, und auch die Zerstörung im Zweiten Weltkrieg ist im Stadtbild noch erkennbar.
Aus dem Hauptausgang des Museums hinaus rechts, überquert man die Stockenstraße und erblickt den "Studentenbrunnen". Der Platz wurde während der NS-Zeit nach Horst Wessel benannt, einem Berliner SA-Mann, dessen Ermordung 1930 die Nationalsozialisten politisch instrumentalisierten. Er wurde zum überregionalen "Blutopfer der NS-Bewegung".
Der Gang führt weiter durch den Seiteneingang der Universität, rechts über den Innenhof zum Ausgang in Richtung Innenstadt. Links an der Außenmauer der Universität befindet sich eine Tafel, die an Geschichte der Universität erinnert. Am 18.10.44, dem Tag mit dem folgenreichsten alliierten Bombenangriff auf Bonn, wurde die Universität zerstört.
Nächste Station ist der Kaiserplatz (vom Ausgang der Universität links zum Martinsplatz, dort rechts in Am Neutor bis zum Platz). Am unteren Ende befindet sich ein Gedenkstein an die Opfer des NS-Regimes in Bonn. Der Stein stand 1950 zunächst am Hofgarten. 1969 versetzte man ihn im Zuge des U-Bahn Baus in den Volksgarten, wo er ein wenig in Vergessenheit geriet. Erst 1997 kam er an seinen jetzigen Standort. Der Fronttext stammt aus dem Jahre 1950 und nennt eine falsche Opferzahl, weshalb auf der Rückseite des Steins ein überarbeiteter Text angebracht wurde.
Nach Durchquerung der Bahnunterführung gelangt man auf die Poppelsdorfer Allee, an deren Anfang rechts an der Ecke Quantiusstraße während der NS-Zeit die Bonner Jugendherberge stand, die nach Klaus Clemens benannt wurde. Clemens wurde zum "Bonner Blutzeugen der NS-Bewegung". Bei einer gewalttätigen Auseinandersetzung zwischen Kommunisten und Nationalsozialisten im Dezember 1930 fiel er einem - wahrscheinlich nicht gezielten - Schuß zum Opfer.
Geht man die Poppelsdorfer Allee weiter entlang und sieht links, zwischen zwei modernen Gebäuden, ein weißes Palais, die Nummer 25:
Hier befand sich das Orientalische Seminar der Universität Bonn. Leiter war der weltbekannte Orientalist Prof. Paul Kahle, der 1939, zusammen mit seiner ganzen Familie aus Deutschland flüchten mußte, weil seine Frau Marie und sein Sohn Wilhelm der Jüdin Goldstein während der "Reichskristallnacht" geholfen hatten. Dies war "Verrat am Volke". Nach Drangsalierungen und Drohungen seitens der Nazis blieb der Familie nur die Flucht. In diesem Gebäude wurde 1935 auch der dort beschäftigte Dr. Walter Markov verhaftet. Er war der Kopf einer studentischen Widerstandsgruppe und hatte Flugblätter hergestellt und sie - mit Absender der Universität - verschickt. Markov wurde 1936 vom Volksgerichtshof wegen "Vorbereitung zum Hochverrat" zu 12 Jahren Zuchthaus verurteilt.
Bei der nächsten Ampel geht der Weg weiter rechts in die Baumschulallee, dann links in die Meckenheimer Allee, rechts in die Beethovenstraße, links in den Kreuzbergweg. Das blaue Haus, die Nummer 5, beherbergte ab 1938 die berüchtigte Gestapo-Zentrale mit Gefängniszellen im Keller. Das Gebäude wurde im Krieg zerstört, im Nachfolgebau, in dem das Arbeitsgericht untergebracht ist, erinnert eine Gedenktafel an die grausame Geschichte des Ortes (nicht immer öffentlich zugänglich, bitte anmelden, Tel. 985690).
Nicht weit von dort (am Ende des Kreuzbergweges, rechts in die Wegelerstraße Nummer 10) befindet sich das Mathematische Institut der Universität. Im Eingangsbereich erinnert eine Gedenktafel an Professor Felix Hausdorff, einen vielseitig gebildeten Mathematiker und Juden. Als er 1942 in das Internierungslager für Bonner Juden in Endenich eingewiesen werden sollte, wählte er zusammen mit seiner Frau Charlotte und deren Schwester Edith Pappenheim in seiner Wohnung in der jetzigen Hausdorffstraße 61 den Freitod. In Vorahnung des Schicksals der Juden begründete er bitter-ironisch diesen Schritt: "auch Endenich ist noch vielleicht das Ende nich!" Eine weitere Gedenktafel erinnert an den Mathematiker und Juden Otto Toeplitz, der 1939 nach Palästina emigrieren mußte.
Am Ende der Wegelerstraße biegt man rechts in die Endenicher Allee ein, geht rechts am Beethovenplatz vorbei, der in der NS-Zeit nach Leo Schlageter benannt war. Schlageter, Kämpfer gegen die französische Besatzung Anfang der 20er Jahre, wurde von den Franzosen wegen Sabotage zum Tode verurteilt. Für die Nationalsozialisten wurde das NS-Parteimitglied Schlageter zu einem Märtyrer .
Über die Baumschulallee geht es in die Colmantstraße. An der Nummer 27 erinnert eine Gedenktafel an die Gebrüder Oelbermann, die dort geboren wurden: Als Gründer des Nerotherwander-Vogelbundes und engagierte Jugendbewegte, kamen sie in die nationalsozialistische Verfolgung. Während Karl Oelbermann nach 1933 in der Emigration verbleiben konnte, kam Robert nach Strafhaft 1941 im KZ Dachau um.
Am Ende der Colmantstraße links um den Häuserblock herum, über die Bachstraße in die Herwarthstraße gelangt man zur Gluckstraße. In der Nummer 12 befand sich um 1940 bis 1942 ein sog. Judenhaus: ein Haus mit einem jüdischen Eigentümer, in das andere Juden umziehen mussten, die in sog. arischen Häusern nicht mehr leben durften. In dem Haus wohnten der Rechtsanwalt Hans Wollstein und die Professorenfamilie Philippson. Während Wollstein im KZ Auschwitz umkam, überlebte die Familie Philippson das KZ Theresienstadt.
Am Ende der Herwarthstraße liegt sich rechts eine kleine Bahnunterführung. Bevor sie durchquert wird, sollte der Blick rechts über die Schienen, hinter dem Signal auf ein dunkles Backsteinhaus mit großem Dachfenster gelenkt werden. In diesem Haus der Viktoriastraße, heute Heerstraße 205, befand sich seit 1933 das Bonner SS-Heim. Die SS nutze die im Keller befindlichen Gefängniszellen für die Inhaftierung von NS-Gegnern. Zahlreiche Folterungen sind bezeugt.
Nach Durchquerung der Unterführung weiter nach rechts über die Fußgängerampel, dann links am ehrwürdigen Alten Friedhof vorbei, bis zu einer Fußgängerampel kommt, die man rechts überquert. Dann geht man links, die nächste Straße rechts (Budapester Str.) und über die Thomas-Mann-Straße. Sie wurde nach dem berühmten Schriftsteller benannt, dem die Universität wegen seiner regimekritischen Haltung 1936 die Ehrendoktorwürde absprach.
Der Weg geht über die Thomas-Mann-Straße. Nach wenigen Metern erkennt man rechts den sog. Windeck-Bunker. Dieser Bunker war der zentrale innerstädtische Bunker, in dem die Luftschutzzentrale von Bonn untergebracht war. Er diente auch als Führungsstand des Oberbürgermeisters, der im benachbarten Haus am Bottlerplatz (heute Stadtbücherei) sein Büro hatte. Das damalige Stadthaus und der Windeck-Bunker sind unterirdisch verbunden.
Man geht am Bunker vorbei durch den Torbogen, links an der nächsten Kreuzung wieder rechts. Nach ein paar Schritten geht der Weg über den Friedensplatz, der 1933 nach Adolf Hitler benannt worden war. Zuvor war Hitler schon zum Bonner Ehrenbürger ernannt worden. Er war wahrscheinlich nur einmal - 1926 - in Bonn. Dagegen genoss er häufig den Aufenthalt im Bad Godesberger Hotel Dreesen, wo er sich weit über 50mal zur Erholung oder zu Konferenzen aufhielt. Das Treffen Hitler - Chamberlain 1938, bei dem das "Münchener Abkommen", d.h. die Besetzung des Sudetengebietes, vorbereitet wurde, ist in die überregionale Geschichte eingegangen.
Über den Friedensplatz, durch die Passage gelangt man in die Wilhelmstraße: Gleich zu Beginn, gegenüber der Fußgängerampel, erinnert eine Gedenktafel am Landgerichtsgebäude an die während des Luftangriffs am 6. Januar 1945 im Landgerichtsbunker umgekommenen 230 Bonner Bürgerinnen und Bürger.
Das Landgericht selbst war Schauplatz zahlreicher politischer Prozesse. Im Mai 1936 fand hier z.B. ein Prozeß gegen 74 Kommunisten statt. Im 1996 abgerissenen Gefängnisgebäude an der Oxfordstraße saßen zahlreiche politische Gefangene ein.
Die Wilhelmstraße entlang am Wilhelmsplatz rechts über die Fußgängerampel in die Kölnstraße, dann links in die Theaterstraße.
Nach Überquerung der Straße Am Belderberg durchquert die Theaterstraße ein Gebiet, das im Krieg vollständig zerstört war. Links, dort wo nun die Beethovenhalle steht, standen bis zur Zerstörung das Stadttheater und die Universitätsklinken, rechts lag die "Kuhl", ein durch zahlreiche Gassen durchquertes Wohngebiet, in dem zumeist sozial Schwache lebten. Kaum ein Haus überstand den Krieg. Insgesamt lag das ganze Gebiet tiefer. Erst in den 50er Jahre wurde es durch Trümmer und Schutt höhergelegt.
Man biegt rechts in die Engeltalstraße ein. Im damaligen Haus Nummer 6 (heute Gesundheitsamt) wohnten zeitweise 32 Sinti. Von ihnen wurden 26 in KZs deportiert, mindestens 17 kamen dort um.
Der Weg geht jetzt quer durch die "Kuhl". Am Ende der Engeltalstraße stößt man auf einen Spielplatz, an dessen hinteren Ende sich eine Gedenktafel an die Fliegeropfer der Altstadt befindet.
Man geht weiter und biegt dann links in die Josefstraße ein. Am Rhein angelangt, sieht man rechts, kurz vor der Brücke ein Gedenkzeichen, welches an die ehemalige Bonner Synagoge, die 1938 angezündet wurde, erinnert: Es ist der zentrale Gedenkort für all das, was Bonner Jüdinnen und Juden während der NS-Zeit angetan wurde. Die Synagoge befand sich dort, wo nun ein Hotelkomplex steht. Lange Zeit war dieses Grundstück als Parkplatz genutzt worden, eine erste Gedenktafel am Brückenpfeiler (heute noch dort) erinnerte in dieser Zeit an die Zerstörung. Mit den Ausgrabungsarbeiten für den Hotelneubau 1987 entdeckte man die Grundmauern der Synagoge, aus deren Steinen das Gedenkzeichen gemauert wurde.
Unter der Kennedybrücke hindurch - sie wurde damals nach Klaus Clemens benannt - geht man über die Fußgängerampel die Treppen zum neuen Theater hinauf und an ihm vorbei, überquert die Straße und kommt zu einer Fußgängerunterführung, die in die Brüdergasse mündet. Kurz hinter der Unterführung blickt man nach oben und erkennt am Haus Brüdergasse/Am Belderberg ein Steinmosaik, welches an die Altstadtsanierung in den 50er Jahren erinnert. Man achte auf diesem Mosaik besonders auf das Gebiet um den Bertha-von-Suttner-Platz. Vor dem Krieg war dieser Abschnitt noch mit kleinen Gassen durchzogen, heute durchquert eine große Straße (Berliner Freiheit/Oxfordstraße) das Gebiet. Die Brüdergasse endet auf dem Markt, einem zentralen Platz mit dem barocken Rathaus.
Man geht rechts am Rathaus vorbei und erkennt das Stockentor, das sich nicht weit vom Ausgangspunkt des Rundganges befindet.
Literaturhinweis: Ein Überblick über die Literatur zu diesem Thema bietet der "Wegweiser durch die Literatur zur NS-Geschichte in Bonn". Preis 14,80. Erhältlich im StadtMuseum Bonn.
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