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26.09.2005, 19 Uhr:
Fritz von Hermanovsky-Orlando (1877-1954)

Klaralinda Ma-Kircher: Lesung mit einführenden und verbindenden Texten
Eine Veranstaltung des StadtMuseums Bonn und der Österreichischen Botschaft, Aussenstelle Bonn im Ernst-Moritz-Arndt-Haus, Adenauerallee 79
Dr. Klaralinda Ma-Kircher, 26.09.05, ©Prof. Dr. Agstner
Ebenso kenntnisreich wie amüsant und immer den richtigen Ton treffend las die Kärntner Literaturwissenschaftlerin und Herzmanovsky-Expertin Dr. Klaralinda Ma-Kircher aus dem facettenreichen, sprachmächtigen, doppelbödigen und nie "politisch korrekten" Werk des österreichischen Autors und Zeichners Fritz von Herzmanovsky-Orlando. Als Schmankerl für Bonn durften sich die die gespannt und über alle Sprachbarrieren hinweg (es waren auch DEUTSCHE unter den Gästen) aufmerksam lauschenden Zuhörer zuletzt an der köstlichen Geschichte über den grantigen Beethoven und der vergeblichen Suche nach Beethovens eventuell als preistreibende Genie-Reliquien zu veräußernden "Gattihosen" erfreuen.
Beethovens letzte Magd
eine historische Reminiszenz
Im Juli 1900 begegnete ich in Salzburg bei der Trödlerin Kathi Spahnbauer, in deren staubfarbenen Händen schon Millionenwerte gelegen waren, meinen Freund Hofrat A. M. Pachinger aus Linz, einen sehr merkwürdigen Sonderling, der einem E. T. A. Hoffmann alle Ehre gemacht hatte. Er war gleich mir ein leidenschaftlicher Sammler, und da er weit alter als ich war, auch bedeutend erfahrener.
Mit der zunehmenden Erfahrung und Reife des, echten Sammlers war er schon auf Gebiete vorgeprescht, in die ich ihm nicht folgte noch jemals folgen werde . . . Er sammelte auch wahren Dreck, geradezu abstruse Dinge. So begegnete ich ihm einmal in einer regnerischen Sturmnacht in München, wo ihm ein Paket von Boreas entrissen wurde, in dem sich ein ausgestopfter Mops befand.
»Laß den Mist liegen«, riet ich ihm.
»Wos? dees Prachtstück liegen lassen? ean Mops von der Fanny Elßler gottselig! Dees is ja ein vatterländisches Monument ersten Ranges für an jeden Österreicher. . . möcht wissen, wie der nach München kommen is . . . seit Jahren stell idem Mops nach . . . hat an alten Mutterl ghört . . . hat 'n nit hergehm wolIn. . . nit hergehm wollen . . . aber vor aner Stund is gstorm, . . . 's alte Weiberl . . . und die jammernden Hinterbliebenen ham ean billig hergebm. . . an Mops. Jo. Die amtliche Beglaubigung hab i auch. Jo.«
»Heiftig findst« - so fuhr er fort - »in so an ausgstopften Mops an Liebesbrief! Vielleicht sind gar in dem da unbekannte Alterstorheiten vom Gentz verborgen! Weißt, so a Mops is eigentlich a Dokuman hümain ...« Ein vorübergleitender Tramwaywagen ließ den pritschnassen Hofrat in teuflischem Rot aufleuchten. Und vor Befriedigung seufzend verschwand der beneidenswerte Sammler mit dem his zur Unkenntlichkeit verdreckten Prachtstück im Finstern.
Der Mann, der so geme auf den Seitengeleisen des Kunstmarktes wandelte, besaß aber auch wahre Zymelien, Schatze, um die ihn jedes Museum beneidete. Daneben - wie eben erwähnt - auch Dinge, die jeder normale Mensch geekelt wegwirft. So nannte er einen »Schlapfen« Grillparzers sein eigen. »Leider bloß einen rechten . . . ein Manderl . . . die Genoveva ist draufgestickt. . . wie s' d' Hirschkuh um a bisserl Milch für ihren Bamperletschn angeht . . . war a Geschenk van der Kathi Fröhlich. . . der Schlapfen . . . dees haben mehrere Fachgelehrte festgestellt. Jo, und dann hätt i da - i tragn heut - an verschwitzten Hosenträger vom Dostojewski gottselig. . . a sehr a seltenes StückI. . . werd viel darum beneidet!«
»Geh hor mir auf mit deinem unappetitlichen Glumpert!« unterbrach ich ihn. »Wenn du sonst nix Gescheites weißt . . .«
»I wüßt schon was. . . verdienst es eigentlich gar nicht, daß ich dir's sag. Denn du hast keine Ehrfurcht vor den Reliquien großer Männer . . . aber, wen wir schon beieinander sind, i nimm dich zu einem sehr merkwürdigen Besuch mit . . . sehr an merkwürdigen . . . bin halt a guter Tschapp . . . Mußt nämlich wissen, hier in der Altstadt wohnt ein uraltes Weiberl, die wo 's letzte Dienstmadl vom Beethoven war. Rosalia Himmelfreundspointner schreibt sie sich. Gehen wir hin - tun wir s' interwihuhen, dieselbige. Unterwegs kaufen wir ihr an Schnaps, an süßen. Und zehn Gulden lassen wir auch springen für die Alte. «
Und wir gingen. Ein finsteres Winkelwerk. Noch gotische Bauformen. Eine Menge Katzen begegnete uns auf den durcheinandergeschachtelten Stiegen aus dreckigem roten Marmor. Irgendwo prügelte sich ein Ehepaar. Tannenzapfen waren auf den Stiegen verstreut.
Im fünften Stock, wohin man uns gewiesen hatte, stand eine Ture offen. Dort trafen wir eine vogelscheuchenartige Figur, einen wahren Fetzenpinkel mit blutunterlaufenen Augen. Das Schnäpslein machte sie zutraulich. Pachinger, der wegen seiner Sammlerleidenschaft für alte Wasche van Geistesriesen, historische Gebisse, die im Munde aller waren, und dergleichen, viel mit Leichenfrauen scharmuzierte (»A bissel a scheener Maan muß ma halt auch sein.« Versonnen blickte er in die Ferne.), fand sogleich den richtigen Ton für die wüste Popelmannfigur. »AIsdann, Fräuln Sali«, begann er gewandt und plusterte animiert seinen Schnurrbart, »alsdann, wie war denn der Meister, der Herr von Beethoven?«
»War kein Meister«, murmelte bös die Alte. »Is nix als a Musikant gwest. . . a Bratlgeiger. . . Und zwoa Klafier ohne Füß hat er ghabt, und an halben Tag hat er mit an Prügel auf an Tisch getrischakt, dass mir ane Kündigung nach der andern kriegt ham, und i hab die Arbeit ghabt . . . weil 's wahr is . . .«
Wir sahen uns verstört an.
»Haben S' koane Brief von eam?« erkundigte sich der mit allen Salben geschmierte Hofrat, der sich unter dem herumliegenden Dreck sichtlich wohl fühlte. »Hat der Selige Ihnen nie alte Stiefel gschenkt . . . oder sonst was zum Abtragen? . . . koane Gattiahosn für'n Winter? Denken S' gut nach, Fräuln Sali!«
Dann zu mir gewendet: »0 mei! grad nur Dane Gattiahosn vom Olympier, wann i hätt. . . was die wert wär. . . i hält ausgsorgt, hatt ausgsorgt . . .«
»No, und wie war ER denn, so im Verkehr?« wollte ich wissen.
Die Himmelfreundspointner blickte mich lange blutig an. Dann kam es dumpf von den Lippen der Alten: »A rechter grausliger Grantscherbn, is er gwesn . . .«
Das war das letzte Wort, das man aus ihr herausbrachte. Dann versank sie in mürrisches Schweigen.
Dr. Klaralinda Ma-Kircher ist Bibliothekarin im Wiener Stadt- und Landesarchiv, Präsidentin des über 150 Jahre alten Vereins für Geschichte der Stadt Wien und Redakteurin der "Wiener Geschichtsblätter". Frau Ma-Kircher, die auch an der Ausgabe Sämtlicher Werke von Herzmanovsky-Orlando mitarbeitet, wird im nächsten Jahr auf Einladung des StadtMuseums Bonn und der Österreichischen Botschaft, Aussenstelle Bonn, über die Deutschlandreise des berühmten österreichischen Klassikers Franz Grillparzer lesen.
Buchtipp zu Herzmanovsky-Orlando:
Phantastik auf Abwegen. Fritz von Herzmanovky-Orlando im Kontext. Essays, Bilder, Hommagen. Herausgegeben von Bernhard Fetz, Klaralinda Ma und Wendelin Schmidt-Dengler, Wien 2004 (ISBN 3-85256-286-4)
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