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 Balduin Heinrich Möllhausen
27.01.2825 Bonn - 28.05.1905
Ethnograph, Schriftsteller, Zeichner
Möllhausen ist 1825 auf dem Jesuitenhof, dem ehemaligen, schon 795 bezeugten Isidorshof, im Bonner Norden geboren, wohin seine Eltern im gleichen Jahr gezogen waren; in den 30er Jahren wohnt die Familie Möllhausen zeitweilig auf dem Wichelshof. Seine Mutter war eine Baronesse von Falkenstein, der Vater, ein ehemaliger Artillerie-Leutnant der preußischen Armee, betätigte sich als Bauconducteur. Eine Spur dieser Tätigkeit findet sich noch in einem Aktenstück aus dem Jahre 1826/27: Im Zuge des Abrisses des Kölntors und der "Verschönerung der Stadt Bonn" wurden in der Kölnstraße neue Häuser gebaut. Unter den Bauplänen finden sich auch Fassadenzeichnung und Lageplan eines "vom Lieutenant Möllhausen zu erbauenden Hauses", (es ist das Haus, in dem später der Römischrechtler v. Bethmann-Hollweg wohnte).
Als Möllhausen eben zehn ist, verlässt der Vater die Familie und geht nach Nordamerika. 1837 stirbt die Mutter, Balduin und die Geschwister wachsen unter wechselnder Obhut in Mecklenburg/Pommern und im Rheinland auf. Möllhausen besucht bis 1840 das Bonner Gymnasium, wo er wahrscheinlich auch Kinkel zum Lehrer hat. Als auch der Vater stirbt, wird Möllhausen zu seinem Pflegevater Graf Krassow nach Pommern geschickt, wo er als Gutseleve eine landwirtschaftliche Ausbildung erhält. Der junge Mann aber will Maler werden. Nach dem Militärdienst übt er als Verwalter und Ökonomie-Inspektor drei Jahre seinen Beruf aus und wird dann in den Revolutionsjahren 1848/49 zum Wachdienst herangezogen - u.a. in Spandau, wo zu diesem Zeitpunkt Kinkel einsaß. Der Ich-Erzähler in seinem späteren Roman "Die Mandanen-Waise" (1865, Neuausg. 1974), der zur Hälfte in Bonn spielt, weist offensichtlich Züge des Bonner Revolutionärs auf.
Von "unwiderstehlicher Sehnsucht nach der Ferne und dem Anblick einer freien, wilden Natur getrieben" tritt Möllhausen im Herbst 1849 in die Fußstapfen seines Vaters und geht in den Westen Nordamerikas. 1850 streift er entdeckungslustig umher, reist über die Großen Seen nach Wisconsin und hält sich zeitweise bei den Chippeway-Indianern auf. Im Jahr darauf lernt er in Belleville, wo er vorübergehend als Gerichtsschreiber tätig ist, den Naturforscher Herzog Paul von Württemberg, Neffe des württembergischen Königs und der preußischen Königin Victoria, kennen. Der Herzog, der ihn nach anfänglichen Bedenken Möllhausens Jugend wegen zum Reisebegleiter wählt, sollte es nicht bereuen. "Er hatte ein feines und liebenswertes Wesen ... Ich fand, daß er ein Mann von Ehre und Loyalität war; und Mut hatte, wie ich es bei niemandem ... erlebt hatte. Er war ein äußerst gebildeter und feiner Herr; ... er war ein sehr wertvoller Reisegefährte. Außerdem war er ein Experte im Skizzen-Zeichnen, eine Eigenschaft, die dem Zweck meiner Reise sehr förderlich war" schreibt der Herzog später in sein Tagebuch.
1851 startete Möllhausen mit dem erfahrenen Naturforscher seine erste Expedition. Sie sollte den jungen Bonner fast das Leben kosten. Die Route ging von Kansas in die Rocky Mountains; Möllhausen fertigte erste Reiseskizzen und besorgte die Naturaliensammlung seines Partners. Im Winter 1851 kam es zu einer lebensgefährlichen Situation: Bei Fort Laramie wurden sie eingeschneit, eine vorüberfahrende Postkutsche, in der nur noch ein Platz frei war, nahm den Herzog mit, während Möllhausen mit Zelt und knappem Proviant zurückblieb. Sechs Wochen wartet Möllhausen auf die versprochene Hilfe. Als er von Pawnee-Indianern angegriffen wurde, musste er zwei von ihnen töten - er hat diese Tat zeit seines Lebens als verhängnisvoll und tragisch empfunden. Anfang Januar 1852 kam Hilfe von unerwarteter Seite: Jagende Otoe-Indianer nehmen den Kranken und halb Verhungerten mit und päppeln ihn wieder auf. Er begleitet sie und zieht später mit den Omahas weiter. Stets zückt er den Skizzenblock und macht sich Notizen. Im Februar 1852 geht er nach Bellevue, wo er sich in eine Halbindianerin verliebt. Endlich erreicht ihn eine Nachricht des Herzogs, dessen Rettungsbemühungen an heftigen Schneestürmen geschei-tert waren. Möllhausen zieht mit dem Landsmann auf eine weitere Expedition durch die Prärien ent-lang des Mississippi, wo sie sammeln, botanisieren und zeichnen.
Im Herbst des gleichen Jahres kehrt Möllhausen nach vierjähriger Abwesenheit zurück nach Deutschland und betreut auf der Rückfahrt einen Tiertransport für den Berliner Zoo. Dessen Gründer, Hinrich Martin Lichtenstein, interessiert sich sehr für Möllhausens Zeichnungen, die Reiseberichte und das reichhaltige zoologische, botanische und ethnographische Material und empfiehlt ihn Alexander von Humboldt, der ihn wiederum König Friedrich Wilhelm IV. vorstellt. Man ist allgemein sehr angetan von Möllhausen und ermuntert ihn weiterzumachen. Unterstützt durch den König und Berliner Gelehrtenkreise bricht Möllhausen im Auftrag der Berliner Gesellschaft für Erdkunde im April 1853 zu seiner zweiten Amerikareise auf. Als Mitarbeiter des Topographischen Corps nimmt er an einer 60 Mann starken Expedition zur Erforschung des geplanten Eisenbahnwegs über den nordamerikanischen Kontinent unter Leitung Captain Wipples teil. Die Expedition startete in Arkansas und bewegt sich den Canadian River entlang, über Texas nach New Mexico bis Los Angeles. 1855 erschien der "Report upon the Indian Tribes". Auf zahlreichen Zeichnungen und Aquarellen hat Möllhausen ethnographische Details der Choctaws, Shawnees, Delawares, Kioway, Mohawes und der Pueblo-Indianer festgehalten: Kleidung, Körperbemalung, Riten und Wohnverhältnisse, aber auch Naturschönheiten und Tierwelt. Die authentischen Porträts einzelner Indianer gehören heute zum Kostbarsten dieses Berichts. Den Pueblo-Indianern New Mexicos, die in kleinen Siedlungen (pueblos) leben, hat er einen eigenen Expeditionsbericht gewidmet: Die Pueblo-Indinaner Nord-Amerikas.
Im August 1854 legt Möllhausen in Berlin dem König seine Manuskripte und Zeichnungen vor und wird auf Empfehlung Alexander von Humboldts zum Kustos der Bibliotheken und Schlösser in und um Potsdam ernannt. Unvermittelt geht er an die Ausarbeitung der Erlebnisse seiner beiden Reisen, die 1858 unter dem Titel "Tagebuch einer Reise vom Mississippi nach den Küsten der Südsee" erscheinen. Er heiratet Caroline Seifert, die Tochter von Humboldts Sekretär, die im Hause des Gelehrten aufgewachsen war. Noch einmal erliegt er dem Ruf des Abenteuers: 1858/58 nimmt er an einer Expedition zur Erkundung und Vermessung der noch unerforschten Gebiete am Colorado teil. (Reise in die Felsengebirge Nordamerikas bis zum Hochplateau von Neu-Mexiko, unternommen als Mitglied der im Auftrag der Regierung der Vereinigten Staa-ten ausgesandten Colorado-Expedition, 1861).
Zu Hause regnet es Ehrungen und Orden, auch Kaiser Franz Joseph zeichnet ihn mit der großen Goldenen Medaille für Kunst und Wissenschaft aus. 1861 beginnt Möllhausen seine Erlebnisse im "Wilden Westen" literarisch zu verarbeiten. In über 100 Romanen und Erzählungen meist vom Typ des ethnographischen Abenteuer- oder Gesellschaftsromans vereint Möllhausen genaue Kenntnis von Landschaft und indianischer Bevölkerung mit spannender Handlung. Mit ihrem einzigartigen Kolorit und ihrer authentischen Beschreibung geben sie ein eindrucksvolles Bild der Verhältnisse vor dem amerikanischen Bürgerkrieg. Neben Indinanern sind oft deutsche Reisende Hauptpersonen. In vielen Romanen beginnt die Handlung in Deutschland, oft geht es auch um familiäre Zusmmenführung und Auflösung von Geheimnissen. Möllhausen, der stets Sklaverei und Rassendiskriminierung brandmarkte und die grauenhaften Vorkommnisse der ersten Kolonisierung geiselte, nimmt in seinem Erzählwerk immer Partei für die Rothäute. Die Schufte haben stets weiße Hautfarbe. Möllhausen ist übrigens der einzige Autor seiner Zeit, der die zentrale Rolle der Träume für die indianische Lebensweise erkannt hat. Möllhausens Beziehungen zum preußischen Hof blieben bis an sein Lebensende bestehen. Prinz Friedrich Karl, der "rote Prinz", zog ihn mit in seine Tafelrunde, die sich regelmäßig in seinem Jagdhaus Dreilinden traf, wo Möllhausen auch mit Fontane bekannt wurde. Möllhausen hat diesem geselligen Kreis in den Dreilinden-Liedern ein poetisches Denkmal gesetzt.
Über Amerika und Berlin aber hat Möllhausen seine rheinische Heimat nie vergessen: Bonn und seine Umgebung werden immer wieder Gegenstand seines Erzählens. Der alte Pelzjäger im Roman "Die Mandanen-Waise" erinnert sich in der Einsamkeit amerikanischer Wälder: "Ja am Rhein bin ich geboren, und zwar an einem Punkte, der sich, hinsichtlich seiner romantischen Schönheit, kühn mit allen hervorragenden Stellen seiner Ufer in einen Vergleich einlassen darf."
Weitere Werke:
Der Halbindianer, 4 Bde.; Balduin, der Flüchtling, 1862; Das Mormonenmädchen, 6 Bde., 1864; Dei Kinder des Sträflings, 4 Bde, 1876, Neuausg. 1974.
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