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 Charles-Louis de Secondat, Baron de Montesquieu
18.1.1689 Schloß la Brède/Bordeaux
10.2.1755 Paris
Als Montesquieu auf seiner Rückreise von Italien vom 3. September - 8. September 1729 auch in Bonn Zwischenstation machte, war er bereits ein berühmter Mann - erfolgreicher Schriftsteler und Mitglied der Académie Française. Staatspolitisches Interesse, die Hoffnung auf eine diplomatische Karriere und der Drang, mit den Mächtigen der Zeit zu verkehren, war der Grund für seine Reise, die ihn nach Österreich, Italien und Deutschland geführt hatte. Endziel der Reise war England, das damals als politisch fortschrittlichstes Land galt. Überall informierte er sich über die vorherrschenden Verhältnisse; in Deutschland besuchte er zahlreiche Fürstenhöfe und machte sich aus erster Hand ein Bild über Staatseinkünfte, die militärische Situation und die einflussreichsten Persönlichkeiten der wichtigeren deutschen Kleinstaaten. Seine Lettres persanes (1721) - eine in fiktive Briefe gefasste Kritik an französischen Institutionen und Sitten - hatten ihn in ganz Europa bekannt gemacht und öffneten ihm Tür und Tor. So verkehrte er mit dem Prinzen Eugen, mit den Kurienkardinälen in Rom, und der bayerische Kurfürst stellte ihn Frau und Hof vor. Über Ludwigsburg, wo er dem Herzog von Württemberg seine Aufwartung gemacht hatte, die Höfe von Mannheim und Mainz, geht es am 2. September mit eingeschiffter Kutsche Richtung Bonn. Er bewundert die Weinberge und lobt den Rheinwein, den er für doppelt so wertvoll hält als seinen heimischen, sieht die erst vor 30 Jahren vom Sonnenkönig zerstörten Burgen und Schlösser und weist die anliegenden Ortschaften ihrer territorialen Zugehörigkeit zu. Als er am 3. September in Bonn anlangt, trifft er zu seinem Leidwesen weder Clemens August an, der auf seinen westfälischen Besitztümern weilt, noch dessen ersten Minister, den Grafen von Plettenberg. Dafür aber einen alten Bekannten aus Paris, den Gesandten Chevalier de Boissieux, mit dem zusammen er die Gräfin "de Fougres" (Fugger), die ehemalige Mätresse des verstorbenen Kurfürsten Joseph Clemens besucht, die nicht umsonst ein Faible für Franzosen hat: Hatte ihr doch Ludwig XIV. eine Pension von fünfzehntausend Livres gewährt, als der selige Kurfürst wegen seines Bündnisses mit Frankreich vor den alliierten Truppen fliehen musste und somit außer Amt und Würden war.
Den amtierenden Kurfürsten Clemens August wird Montesquieu erst bei späterer Gelegenheit kennenlernen. Ein kleiner Mann, der dauernd jage, die Frauen liebe und ein uneheliches Kind habe, so beschreibt ihn Montesquieu vom Hörensagen. Das spätere Urteil aus eigener Erfahrung wird positiver ausfallen. Wie etwa auch Casanova nennt er ihn einen freimütigen Menschen, der sich ganz unbekümmert gebe, so dass man recht unbefangen mit ihm verkehren könne. Bonn selbst findet Montesquieu, im Gegensatz zu Köln, hässlich. Das Poppelsdorfer Schloss dagegen nennt er das schönste Gebäude Deutschlands. (Montesquieu hat im Jahre 1729 entweder die Baustelle oder aber das durch einen Säulengang kaschierte Provisorium gesehen.) Mit der Darstellung der Baugeschichte liegt er allerdings etwas schief. Er berichtet, dass der selige Kurfürst Josef Clemens das Schloss bis aufs Innere habe fertigstellen, dann jedoch wieder habe abtragen lassen, um es für den großen und ziemlich häßlichen Brühler Bau zu verwenden. Als sich der Transport als zu teuer erwies, hätte man den Abbruch gestoppt, und versucht, das schon halb abgerissene Gebäude nach dem schönen Plan mit seiner quadratischen Gesamtanlage, dem kreisrunden Innenhof, und den acht Pavillons wieder aufzubauen. Mit dem Abriss hatte der verstorbene Kurfürst jedoch nur sehr indirekt etwas zu tun, und zwar nur insofern, als er seinem Nachfolger leere Staatskassen hinterlassen hatte. Clemens August, der sich für Brühl als Residenz entschieden hatte, sah sich angesichts der angespannten Finanzlage genötigt, das teure Baumaterial durch Abbruch des 1725 fast vollendeten Poppelsdorfer Schlosses einzusparen. Zum Glück besann man sich bald eines anderen, so dass nur die Front in der Meckenheimer Allee den Sparmaßnahmen zum Opfer fiel. (1745 wurde dann die Fertigstellung des Poppelsdorfer Baus endgültig betrieben.)
Es ist übrigens nicht das erste Mal, dass Montesquieu sich irrt, nachlässig recherchiert oder einen Flüchtigkeitsfehler macht. So nennt er z.B. den Rhein an der Stelle der Kauber Pfalz Donau, bringt manchmal Namen und Daten durcheinander. Offensichtlich hat er die Reiseaufzeichnungen später nicht mehr überarbeitet. Der architektonische Wankelmut kurkölscher Kurfürsten gibt Montesquieu noch zu weiteren Auslassungen Anlass. Hätte Clemens August doch den Plan, Bonn mit einer Festigungsanlage zu umgeben, wegen Fehlplanung wieder aufgegeben. So hätte diese z.B. viel zu nahe am Palais gestanden. "Dieser Kurfürst ändert so leicht seine Meinungen wie er den Ort wechselt, er ist immer auf der Jagd." Mit letzterem hat der französische Gast gewiss nicht unrecht, der Grund für die Aufgabe des Projekts aber war politischer Natur. (Die Vereinigten Niederlande, die die Festung Bonn erst 1703 geschliffen hatten, lehnte die Neuerrichtung ab.) Fortifikationen, Truppenstärken und Einkünfte waren im übrigen Montesquieus Lieblingsthemen. Auch im Falle Kurköln stellt er ein differenziertes Truppenverzeichnis aller kurfürstlichen Domänen (Kurköln selbst, die Bistümer Münster, Osnabrück, Paderborn und Hildesheim) auf. Er nennt insgesamt 6000 Mann und gibt das kurfürstliche Einkommen auf 600.000 Taler an, von denen Clemens August rund 400.000 zur freien Verfügung habe. Im übrigen seien alle kurkölschen Lande leichtsinnigerweise durchweg befestigungslos, so dass sie jederzeit überrannt werden könnten.
Montesquieus Bericht schließt mit der Schilderung der wichtigsten Persönlichkeiten des Hofes: Domdechant Graf von Blankenstein, Minister Graf Ferdinand von Plettenberg, Baronin von "Notapht" (Gattin des Generelleutnants Nothafft zu Weißenstein), Stadtgouverneur Graf von Verita, Baron von Airs und die vorgenannte Gräfin Fugger. Blankenstein, bei dem Montesquieu oft zu Gast und auch zu Tisch war, wird als liebenswerter, ruhiger Mensch beschrieben, stets gut unterrichtet, und leidenschaftlich, aber nicht unbedingt erfolgreich in die Baronin von Nothafft verliebt; Plettenberg, ein junger Mann von Temperament und scharfem Verstand, von großem Einfluss und Reichtum, Neffe des Bischofs von Münster, mit den bayrischen Wittelsbachern eng verbunden; Verita sei zwar mittelmäßig, aber treu und zuverlässig und daher der besondere Vertraute des Kurfürsten, und Airs schließlich der Großfalkner des Kurfürsten und besonderer Liebling der Damen. Am 8. September reist Montesquieu ab, nicht ohne noch den Kölner Dom besichtigt zu haben. Ganz im Gegensatz zu sonstiger aufklärerischer Attitüde bewundert er das gotische Bauwerk.
Leider bleibt Montesquieus Bericht sehr unpersönlich - man erfährt fast nichts darüber, wie er die Bonner Tage verbracht hat. Ankunft und Abreise, das Essen bei Graf von Blankenheim und der Besuch der Gräfin Fugger - das ist alles, was wir erfahren. Seine Auslassungen über hohe Amtspersonen, Fortifikationen, Schlossbauten, Truppenstärken und Staatseinkommen wirken wie Notizen für eine Enzyclopädie und waren offensichtlich als Informationen gedacht. Wahrscheinlich sogar für den Fall kriegerischer Auseinandersetzungen Frankreichs mit dem angrenzenden Staat. Jedenfalls hatte Montesquieu von vornherein einen längeren Aufenthalt in Bonn eingeplant und sich dafür bereits in Italien mit Empfehlungsschreiben versorgt. Dass er die Notizen dann nicht weiter auswertete, hängt wohl mit dem Scheitern seiner diplomatischen Pläne zusammen. Wenngleich farblos, so sind Montesquieus Aufzeichnungen über das Bonn von 1729 doch in jedem Fall eine interessante kulturgeschichtliche Skizze, die sich außerdem durch ihre objektive Betrachtungsweise auszeichnet und nirgendwo von französischem Hochmut gegenüber dem zurückgebliebenen Nachbarn eingefärbt ist.
Nach der großen Studienreise durch Europa (1728-1731), von der der Bewunderer der britischen Konstitution die meisste Zeit in England zubrachte, zog er sich auf sein Schloss La Brède zurück, um dort seine Erfahrungen und Gedanken literarisch zu verarbeiten. 1748 erschien sein Hauptwerk "De l'esprit des loix" (Über den Geist der Gesetze, dt. 1753), das den französischen Aufklärer weltberühmt machte. Die dort propagierte Gewaltenteilung in eine Legislative, Exekutive und Judikative ist Grundsatz aller modernen Demokratien geworden.
Werkausgaben:
Werkausgabe (frz.), Hg. R. Caillois, 2 Bde., 1949-51; Werkausgabe (frz.), Hg. A. Masson, 3 Bde., 1950; sämtliche Werke, 10 Bde., 1827-30.
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