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Innenansicht des Bonner Münsters


Standort: II. OG, Raum 2




1662, Gerrit Adriaensz Berckheyde, Öl auf Leinwand, 72,5 x 114 cm, Inv Nr. SMB 1991/G 18


Berckheydes Bild zeigt das Innere des Bonner Münsters in einem Zustand, der sich deutlich vom heutigen unterscheidet. Der Standpunkt ist der eines Betrachters, der durch den Westeingang gekommen, unter der Orgelbühne steht. Von hier aus entfaltet sich das Interieur streng achsensymmetrisch. Doch im Gegensatz zu heute ist der freie Blick auf den Ostchor verstellt. Der markante Querriegel des gotischen Lettners schließt den Chor gegenüber dem Langhaus ab. Eine weiterer Unterschied ist am linken Bildrand zu sehen. Ein Geistlicher steht auf Treppenstufen, die zur Ausgangstür auf den Münsterplatz hinaus führen, dessen Bodenniveau früher hier viel höher lag.
Gerrit Adriaenz. Berckheyde (Haarlem 1638 - Haarlem 1698) gehört zu den bedeutendsten holländischen Architekturmalern des 17.Jahrhunderts. Seine Innenansicht des Bonner Münsters fügt sich in die Tradition des niederländischen Architektur-Interieus. Gerrit Berckheyde war Schüler seines Bruders Job. Zusammen mit ihm unternahm er in den 1650er Jahren eine Rheinreise, auf der er die Sehenswürdigkeiten zeichnerisch festhielt. Dieser Zeichnungsvorrat diente dann in späteren Jahren zur Anfertigung seiner rheinischen Architekturbilder. 1660 wurde er mit 22 Jahren in die Haarlemer Malerzunft aufgenommen. Zwei Jahre später, 1662, malte er das Münster-Interieur, wie die Signatur am Sockel des linken Pfeilerbündels verrät.
Gerrit Berckheydes eigentliche Stärke waren die Außenansichten berühmter Gebäude. Bekannt sind seine zahlreichen Bilder der Kölner romanischen Kirchen. Auch von der 1812 abgebrochenen Bonner Pfarrkirche St.Martin malte er eine Ansicht, sie befindet sich heute im Landesmuseum von Schwerin. Ist die Architektur in diesem Bild auch weitgehend wirklichkeitsgetreu wiedergegeben, so ist doch die umgebende Stadtlandschaft mit Phantasieelementen durchsetzt. Diese Beobachtung verweist auf eine grundlegende Tatsache: Man darf die Architekturmalerei nicht unkritisch für eine Art Vorläufer der Fotografie halten.
Die holländische Architekturmalerei des 17.Jhs. hatte zwei Wurzeln. Zum einen die per Druckgraphik verbreiteten Landkarten mit beigefügten Ansichten der wichtigsten Städte. Hinzu kommen noch die topographischen Bücher, denen ebenfalls gerne Illustrationen beigegeben wurden. Da die Informationsmöglichkeiten früher viel geringer waren, sind bei diesen Ansichten oft nur die wichtigen Gebäude halbwegs ähnlich wiedergegeben, der Rest ist frei erfunden.
Der zweite Wurzel sind die sogenannten Phantasiearchtitekturen. Mit der Entdeckung der Gesetze der Perspektive durch die Künstler der Renaissance gab es nun die Möglichkeit jede noch so komplexe Bauform akkurat darzustellen. Die Beherrschung der Perspektivgesetze galt als Ausweis künstlerischen Könnens. Immer größer, verschachtelter und dramatischer wurden die Phantasiearchitekturen aus Bogenläufen, Galerien und Türmen. Sie wurden vom Publikum geschätzt und gekauft. Erst im Laufe des 17.Jhs., in größerem Maßstab sogar erst nach 1650 setzte sich demgegenüber das Interesse an wirklichkeitskeitsgetreuen Abbildern tatsächlich existierender Gebäude durch. Einer der ersten Künstler, der sich auf diese neue Malerei spezialisierte, war Pieter Saenredam (1597-1665). Er nahm Vermessungen an Gebäuden vor und malte nur die beobachteten Lichterscheinungen. Das war etwas völlig neues. In der Folge entwickelten die Maler immer raffinierter angeschnittene Perspektiven und Durchsichten, auch die dramatische, ja teilweise mystizierende Lichtregie wurde laufend verfeinert. Einer der Hauptmeister dieser Reifephase war Emanuel de Witte (1617-1692). Doch selbst in den späteren Entwicklungsphasen der holländischen Architekturmalerei finden sich neben realen Architekturen auch frei erfundene. Im Spektrum dieser Möglichkeiten gehört Berckheydes Werk zu den wirklichkeitsgetreuen Darstellungen.
Seine etwas steife, streng achsensymmetrische Anlage verweist auf ältere Vorbilder, es ist keine Pionierleistung im Bereich der Architekturmalerei.
Neben seinem kunsthistorischen Wert hat Berckheydes Innenansicht des Bonner Münsters auch einen erheblichen Wert als stadtgeschichtliches Dokument. Es ist gehört zu den wenigen Bilddokumenten des 1734/35 abgebrochenen Lettners.
In der mittelalterlichen Kirche war es die Funktion des Lettners, das Langhaus vom Chor zu trennen, der allein den Stiftsherren vorbehalten war. Im Gegensatz zu heute war das Münster früher keine Pfarrkirche mit eigener Gemeinde, sondern allein eine Stiftskirche. Ein Stift ist die Gemeinschaft von Klerikern (oder auch Laien), die nach geistlichen Regeln zusammenlebt. Die erste Stelle im Stift nahm der Propst ein. Das Bonner Stift war mit das vornehmste im Erzbistum Köln, sein Probst stand im Ansehen gleich hinter dem Kölner Domdekan. Da das Bonner Propstamt zunehmend ein Ehrenamt ohne Pflichten am Stift wurde, übernahm stellvertretend ein Dekan die Verwaltungsaufgaben für den Probst. Das Stift hatte einen erheblichen Besitz an Grundstücken und Häusern in Bonn und Umgebung, dessen Erträge ihm zuflossen. Immerhin 174 Häuser gehärten ihm. Jede Stelle eines Stiftsherren war mit einer Pfründe dotiert, die sich aus den Einkünften des Stiftes speiste. Daher waren Stellen als Stiftsherren begehrt. Der katholische Adel und die Patrizier versorgten gerne ihre nachgeborenen Söhne mit einer solchen gutdotierten geistlichen Stelle. Der Anteil der Bürgerlichen nahm dabei im 14. und 15. Jh. stark zu.
Gerrit Berckheydes Bild zeigt einen Geistlichen am Kreuzaltar vor dem Lettner am Kreualtar, der eine geistliche Handlung vornimmt. Dies war auch für die Laien bestimmt. Durch den Torbogen des Lettner gibt es einen winzigen Durchblick auf den Chor. Hier sieht man die Stiftsherren abgeschirmt auf ihrem Chorgestühl sitzend. Ein Stück gesellschaftliche Realität des Mittelalters und der frühen Neuzeit erschließt sich somit beiläufig. Man muß hier an die dominierende Stellung der Kirche in Bonn erinnern. Bonn war nie freie Reichsstadt, sondern gehorchte stets dem Erzbischof als Stadtherren. Ein Drittel des Bodens gehörte der Kirche.
Der Bonner Lettner war eine dreijochige, gewölbte Anlage. Die Bogenstellungen waren kleeblattförmig von glatten Wimpergen bekrönt, die das filigrane Maßwerk der Brüstung überschnitten. Ein Vergleich mit dem erhaltenen Lettner von Oberwesel läßt eine Datierung um 1300 vermuten. Ob die Triumphkreuzgruppe über dem Lettner auch aus der Zeit stammt ist fraglich, ihre Bewegtheit deutet möglicherweise auf eine Entstehung im 17.Jh. hin. Durch die liturgischen Reformen in Folge der Gegenreformation sowie den Geschmackswandel im Barock wurden die Lettner zunehmend als lästige Hindernisse empfunden. In fast allen Kirchen wurden sie im 17./18.Jh. abgerissen, um einen Einheitsraum mit Blick zum Chor zu erreichen. 1734/35 mußte auch in Bonn der Lettner weichen. Seit dem frühen 19.Jh übernahm das Münster zudem die Pfarrfunktion der abgerissenen Kirche St. Martin. Der von Berckheyde geschilderte mittelalterliche Zustand des Münsters war nicht nur architektonisch, sondern auch gesellschaftlich Vergangenheit geworden.

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