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Ansichten des Bonner Münsters
Standort: II. OG, Raum 2
Zur Eröffnung der Ausstellung "Bonner Münster. Dokumente, Pläne, Entwürfe und Ansichten aus zwei Jahrhunderten" hat Prof. Dr. Gisbert Knopp zu diesem Thema einen Vortrag gehalten
Dem unbefangenen Betrachter präsentiert sich das Münster in seinem heutigen Erscheinungsbild – innen wie außen – als
nahezu unversehrt aus dem Mittelalter überkommen. Dass aber die Münsterkirche gerade in den letzten 200 Jahren eine der wechselvollsten Perioden ihrer langen Geschichte durchlebte, ist nur den wenigsten geläufig. Bei den ab der Mitte des 19. Jh. zur Abwendung des völligen Verfalls einsetzenden
Restaurierungsmaßnahmen, die im Außenbereich 1889 abgeschlossen werden konnten, hat insbesondere die Westfassade ein vollständig neues Aussehen erhalten, ebenso wie die Obergeschosse beider westlicher Flankierungstürme, die abgebrochen und, wie schon der damalige Provinzialkonservator Paul Clemen im Nachherein bedauerte, leider in ganz veränderter Formensprache neu aufgeführt wurden. Der fatalste Eingriff
– bis heute – war sicherlich das Durchbrechen des Scheitels der Westapsis für einen neuen Eingang; damit war die
Doppelchorigkeit des Bonner Münsters nun endgültig verloren.
Ein Gemälde in der Kirche des Kreuzherrenklosters Ehrenstein (siehe Vorderseite), Kreis Neuwied, aus dem Anfang des 16. Jh. (das als Reproduktion im 2. OG des StadtMuseums präsentiert wird) ist die älteste Darstellung des Bonner Münsters und überrascht in der bestechenden Genauigkeit der perspektivischen Wiedergabe des Münsters und seiner Umgebung. Vom Südwesten: Die Stadtmauer und die Häuserzeile davor kennzeichnen seine Lage an der südlichen Stadtgrenze. Das unter Probst Gerhard von Are um die Mitte des 12. Jahrhunderts
errichtete Stiftsgebäude mit der vorspringenden Apsis der
Cyriakus-Kapelle ist an der Südapsis des Querhauses angelehnt. Vor dem jetzigen Osteingang lag die St. Blasius-Kapelle und an die Außenwand des Hochchores angelehnt die St.
Jacobus-Kapelle. Der dreigeschossige achteckige Vierungsturm zeigt noch das markante sechszehneckige Faltdach aus der Mitte des 13. Jh., wie es heute noch die Klosterkirche zu Essen-Werden aufweist. Die den Ostchor flankierenden Viereckstürme hatten ein Rombendach, die Westtürme sind von unterschiedlicher Höhe und Form. Vor dem Ostchor des Gerhard von Are ist die ebenfalls von ihm errichtete Tauf– und Pfarrkirche St. Martin gut sichtbar; vor allem wird hier bereits das architektonische Zusammenspiel von Chor und Rundkirche deutlich.
Die im Laufe der Jahrhunderte über das Münster einbrechenden Schicksalsschläge trafen nicht nur sein äußeres Erscheinungsbild, sondern auch das Innere. Während des „Kölnischen
Krieges“ 1587, den der Übertritt des Erzbischofs Gebhard Truchseß von Waldburg zum Protestantismus auslöste, wurde das gesamte Innere der Kirche verwüstet und zerstört, die kostbaren Schreine der Hl. Helena und der Soldatenmärtyrer geraubt. Auch im pfälzischen Krieg brannten 1689 alle Dächer ab, die Glocken schmolzen, die Orgel wurde ein Raub der Flammen.
Eine außerordentlich wichtige Bildquelle für das Innere des Bonner Münsters zwischen diesen beiden Kriegen bietet ein 1662 datiertes Gemälde des aus Heerlen stammenden Vedutenmalers Gerrit Adriaensz Berckheyde (1638-1698). Das zum Bestand des StadtMuseums Bonn gehörige Bild (zu sehen im 2. OG in Raum 2) zeigt den Blick in das Mittelschiff gegen den östlichen Chor mit dem gotischen Lettner, der den Stiftsherrenchor von dem Laienraum trennte. Alle Fluchtlinien des Bildes laufen auf den liturgischen Mittelpunkt, den Kreuzaltar vor dem Lettner zu; darüber auf der Galerie eine hoch aufragende Kreuzigungsgruppe mit Maria und Johannes, deren Figuren heute im Kreuzgang ein wenig schönes Dasein fristen. Das Konzil von Trient hatte den Abbruch derartiger „Beschränkungen“
angeordnet, dem man in Bonn mit zweihundertjääriger Verspätung nachkam. An die Stelle des Lettners, der in seinen beiden seitlichen Emporen bis heute erhalten blieb, traten die beiden Flankierungsaltäre, Kreuzaltar und Nepomukaltar, dazwischen die doppelläufige Marmortreppenanlage mit der schönen Balustrade.
Bald nach der barbarischen Zerstörung der Kirchenausstattung von 1587 häufen sich die Stiftungen für die Wiederherstellung eines würdigen Gotteshauses. Zu den erlesenen Ausstattungsstücken dieser und nach unserer Zeit zählt vor allem die
Bronzeplastik der Hl. Helena, die – wie schon Josef Gregor Lang in seiner Reisebeschreibung zu Ende des 18. Jh.
meinte – wegen ihrer klassischen Schönheit „im ersten Antikensaal der Welt“ stehen könnte.
Mit dem Einmarsch der französischen Revolutionstruppen im Oktober 1794 hatte die Herrlichkeit ein Ende. Die bisherigen Pfarreien St. Martin und St. Gangolf übernahmen laut napoleonischem Dekret vom 30. Mai 1806 die Stiftskirche als Pfarrkirche, die das Patrozinium der Martinskirche übernahm. Die
Kirchengemeinde stand nun vor der Aufgabe, mit geringen
Mitteln den großen Bau der jetzt Münsterkirche genannten Stiftskirche herzurichten und zu verbessern. Es muss daher nicht Interesselosigkeit gewesen sein, dass der Kirchenrat von St. Martin 1812 die inzwischen zur Ruine gewordene Kirche für 600 Franc auf Abbruch versteigerte. Wahrscheinlich war es einfach die Not, die zu diesem heute unverständlichen
Handeln motivierte, das zum Verlust des wichtigsten Ensembles der Bonner Kirchen führte.
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