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Bonner Frisiersalon um 1900

Das Ladenschild gegenüber der Einganstür verkündet es: "Damen- u. Herrenfriseur". Vor der weitgeschwungenen und mit floralen Buntglaselementen verzierten Spiegelwand wurden bereits vor über 100 Jahren der modebegeisterten Dame die Locken gelegt und dem standesbewussten Herrn die Barthaare gezwirbelt. Das Jugendstil-Interieur mit der Nussholztheke und den in die Marmorplatte eingelassenen Haarwaschbecken stammt aus einem kurz nach der Jahrhundertwende eröffneten Friseursalon in Bonn-Poppelsdorf. Dieser befand sich in unmittelbarer Nachbarschaft zu dem Kolonialwarenladen, so dass die Gegenüberstellung durchaus bewusst erfolgte.


In den Jahren 1870 bis 1914 verdreifachte sich in Bonn die Zahl der Friseur- und Barbiergeschäfte nahezu von 40 auf 128. Davon boten 97 als Herrenfriseure, 19 als Friseure und 12 als "Friseurinnen" für Damen ihre Dienste an. Das explosionsartige Wachstum dieser Branche fällt zum einen in den allgemeinen Wirtschaftsboom der Gründerjahre. Zum anderen sorgte die Entstehung einer breiten besserverdienenden Bevölkerungsschicht für eine erhöhte Nachfrage. In Zeiten relativen Wohlstands konnte man es sich erlauben mehr Geld in die Verschönerung seines Äußeren zu investieren - und die begann am eigenen Kopf.

Sämtliche Facetten des traditionellen Friseurhandwerks werden durch das in den Glasvitrinen zusammengestellte Inventar dokumentiert. Es stammt komplett aus dem Besitz des 2001 verstorbenen Bonner Friseur-Innungsmeisters Hans Höfs. Zeit seines Lebens hatte er mit seinem Beruf in Verbindung stehende Objekte und Gegenstände zusammen getragen und sie schließlich mit allen nötigen Erklärungen dem StadtMuseum 1999 als Geschenk übereignet. Seine Sammlung deckt dabei einen Zeitraum von fast 150 Jahren ab und umfasst auch sehr seltene Stücke.

Service wurde von den Friseuren damals großgeschrieben. In besonderem Maße gingen sie auf die individuellen Wünsche und Bedürfnisse der Kunden ein. So gab es in den meisten Friseursalons Vitrinen oder Schränke, in denen für die Stammkunden nummerierte Rasiertöpfe aus Porzellan bereitgehalten wurden. Dass in Barbierstuben ursprünglich nicht nur Bärte gestutzt, sondern auch kleinere medizinische Eingriffe vorgenommen wurden, deuten die Schröpfköpfe von ca. 1730 an. Neben Rasuren, Haar- und Gesichtspflege verstanden sich die meisten Friseure auch auf das Perückenmachen. Unter Verwendung von Hecheln, Tressier-Rahmen und Kordelmaschinen ließen sich auch diverse Haarteile herstellen, die zur Auffüllung der eigenen Haarpracht dienten. Mehrere Haarteile gehörten damals zur Grundausstattung der eleganten Dame von Welt. Wenig schonend für das Haar, dafür aber einen Lockeneffekt hervorrufend, war die Behandlung mit Brennscheren, Ondulier- und Locheisen. Zur Erlangung von längerfristig gewelltem Haar griff man in den Zeiten vor der Dauerwelle zum Kreppeisen. Zur Erhitzung all dieser Utensilien war das Vorhandensein eines Spiritusöfchens unabdingbar. Das elektrische Zeitalter schließlich hielt im Friseursalon am sichtbarsten in Gestalt der Trockenhaube Einzug. Die archaisch anmutenden Gerätschaften mögen beim Betrachter nicht allzu großes Vertrauen erwecken, doch galt der Grundsatz, dass wer schön sein will, leiden muss, damals wahrscheinlich in einem größeren Maße als heute.

Nicht nur Frauen folgten dem Diktat der Haarmode, auch Männer nahmen erhebliche Unbequemlichkeiten in Kauf, um an das Ziel ihrer Wünsche zu gelangen: Symptomatisch dafür ist die Barttracht, die auch sehr viel über die Wertvorstellungen und Sehnsüchte der Epoche verrät. Wer seine politische Gesinnung und Liebe zum Herrscher unübersehbar präsentieren wollte, eiferte dem gezwirbelten Schnauz Kaiser Wilhelms II. als Vorbild nach. Wenn Barteisen und Bartkette schmückend zur Anwendung gebracht worden waren, konnte der kaisertreue Untertan voll Stolz ausrufen: "Es ist erreicht". Und sollte der eigene Bartwuchs nicht ausreichen, so konnte der Friseur diskret mit falschem Barthaar und Bartcreme nachhelfen.

Die Haarmode unterlag schon immer dem Zeitgeist. Oftmals reagierte man mit dem Haarschnitt auf gesellschaftliche Veränderungen. Sei es aus Protest wie die langhaarige 1968er Generation oder aus Patriotismus wie eben die schnauzbärtigen Kaiser-Wilhelm-Verehrer. Heutzutage ist die Frisur vor allem ein persönliches Statement. Der Friseursalon konserviert den Beginn einer Entwicklung der Individualisierung der Haarmode. Seitdem kamen und gingen einige Frisurentrends. Die Perücken der ausgestellten Frisierpuppen blieben. Und wer weiß, vielleicht dienen sie einmal zur Inspiration für neue ausgefallene Haarkreationen.


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