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FAZ 15. Juni 2002 "An den Rhein, an den Rhein..." Feuilleton Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.06.2002, Nr. 136, S. 50: Und dann zu zweit alleine sein Goldenes Zeitalter der Gefühle: Das Rheinland feiert zweihundert Jahre Rheinromantik
Im Juni 1802 unternahmen Clemens Brentano und Achim von Arnim eine
Rheinreise. Am 28. August desselben Jahres wurde der Sprachforscher,
Literaturhistoriker und Dichter Karl Simrock in Bonn geboren. Wenn
gleich zwei Jubiläen zusammenkommen, dann ist die bundesdeutsche
Festkultur aufs höchste alarmiert. Ergebnis ist das "Jahr der
Rheinromantik", welches zur Zeit mit Ausstellungen, Vorlesungen,
Konzerten und Weinverzehr zwischen Köln und Bingen begangen wird.
Das Kölnische Stadtmuseum widmet sich dem Rhein als Handelsweg und
Reiseroute, Andernach ehrt Apollinaire; Schloß Drachenburg und das
Siebengebirgsmuseum Königswinter besingen den Drachenfels. Das
Historische Museum am Strom in Bingen rekonstruiert Salons des
neunzehnten Jahrhunderts, das Kreismuseum Wied beleuchtet den Kreis
um die unter dem Pseudonym "Carmen Sylva" als Schriftstellerin
arbeitende Königin Elisabeth von Rumänien, das Mittelrhein-Museum
Koblenz zeigt Rheinansichten aus drei Jahrhunderten, und das
Frauenmuseum Bonn untersucht (ab 1. September) den Alltag der Frauen
entlang des Rheins.
Als zentrale Ausstellung darf aber die Schau gelten, die das Bonner
Stadtmuseum unter dem Titel "An den Rhein, an den Rhein" über das
"malerische und romantische Rheinland in Dokumenten, Literatur und
Musik" im Ernst-Moritz-Arndt-Haus an der Adenauerallee in Szene
setzt (bis 1. September). Keinen besseren Ort könnte es für diese
Ausstellung geben als das malerische Haus mit seinem
Biedermeier-Interieur, das sich Arndt zu Beginn des neunzehnten
Jahrhunderts mit Blick auf den Rhein erbauen ließ: Der Erbauer
genießt eine zweifelhafte Reputation als "Deutschlands Strom, nicht
Deutschlands Grenze"-Agitator, und die Stadt Bonn, in deren Mauern
sich um August Wilhelm von Schlegel die Studenten Simrock, Heinrich
Heine und Heinrich Hoffmann von Fallersleben scharten und die zudem
Basislager des Maikäferbundes von Johanna und Gottfried Kinkel war,
darf sich rühmen, Hochburg der Rheinromantik gewesen zu sein. Robert
Schumann ist hier beerdigt, Johannes Brahms stand dank seiner
Freundschaft mit Clara Schumann auch in engem Kontakt mit Bonn, und
der Musikverlag Simrock, der von Karls Vater Nikolaus gegründet
worden war und bald zu einem der bedeutendsten Verlagshäuser Europas
aufstieg, war ebenfalls hier beheimatet - gute Voraussetzungen für
eine Schau, die mehr als zweihundert Exponate, davon ein Großteil
aus öffentlichem und privatem Bonner Besitz, auf kleinem Raum
versammelt.
In der Person des Widmungsträgers der Ausstellung, Karl Simrock,
bündeln sich die Motive und Strömungen der Rheinromantik wie in
einem Brennglas. Als Übersetzer des Nibelungenlieds verkörpert er
das Interesse am Mittelalter, als Sammler und Herausgeber von
Martinsliedern die romantische Sehnsucht nach dem Volkstümlichen und
Ursprünglichen. Die Lieder, die Johannes Brahms nach Texten von
Simrock schuf ("Auf dem See" und "An den Mond") sind Ausdruck jener
Ästhetik des kleinen Zirkels, deren Prävalenz das Sololied zur
romantischen musikalischen Gattung par excellence machte.
Das Freundschaftsmotiv spielt in den Briefen und Dichtungen der
fraglichen Zeit eine gewichtige Rolle; in ihm klingt melancholische
Jugenderinnerung mit - eine sentimentale Melange, die so wohl bis
heute nur das universitäre Milieu zu mischen imstande ist. Der
Freundeskreis, der sich unter den Studenten August Wilhelm Schlegels
an der neugegründeten Bonner Universität herausbildete, scheint
"Rheinromantik" so intensiv praktiziert zu haben, daß ihr
prominentester Vertreter Heinrich Heine an die Universität in
Göttingen überwechselte, um sein Studium ohne Ablenkung, ohne Frauen
und Wein zu Ende bringen zu können.
Ihm ist viel Ausstellungsfläche reserviert worden: den Briefen an
und über die Bonner Freunde ebenso wie seinen notorischen
Rheindichtungen nebst aller Vertonungen der "Loreley". Daß Heines
Fassung des Sagenstoffs nur eine unter mehreren ist, die Komponisten
zu Vertonungen anregte, darauf verweist der der Musik gewidmete Teil
der Ausstellung, der ein besonderes Augenmerk auf Mendelssohns
Opernfragment "Loreley" nach einem Text von Emanuel Geibel richtet.
In die Klänge der Rheinweinlieder mischten sich in Bonn 1840
schrillere Töne: Nikolaus Becker, Mitglied des Maikäferbundes,
textete "Sie sollen ihn nicht haben / den freien deutschen Rhein /
bis seine Flut begraben / des letzten Manns Gebein". Das
antifranzösische Poem wurde von Robert Schumann noch im selben Jahr
vertont; schon nach einem Monat hatte er mehr als 1500 Exemplare
davon verkauft, obwohl sein Werk keineswegs ohne Konkurrenz blieb:
Insgesamt mehr als zweihundert Kompositionen verschiedenster
Tonsetzer widmeten sich dem Text.
Heine reagierte auf Becker, indem er den Rhein im "Wintermärchen"
sprechen läßt: "Das dumme Lied und der dumme Kerl / Er hat mich
schmählich blamiret / Gewissermaßen hat er mich auch / Politisch
kompromittiret". Das national gesinnte Rheinland rächte sich am
Wahl- Pariser im Todesjahr Heines mit einem holprigen Gedicht -
einer schlechten Stilkopie des "Wintermärchens" - aus der Feder von
Wolfgang Müller von Königswinter, das unter dem Titel "Heines
Höllenfahrt" den Dichter seine Werke widerrufen ließ. Das Machwerk
rief seinerseits die Poetin Emilie Emma von Hallberg auf den Plan,
die umgehend "Heines Himmelfahrt" verfaßte und Müller mit den Versen
attackierte: "Kennst Du die edle Clique nicht / Der rheinischen
Geisteshasser? / Sie saufen den edlen, köstlichen Wein / Und
schreiben dennoch nur Wasser."
Verglichen mit den Franzosen, kamen die Engländer glimpflicher weg -
sie wurden lediglich Opfer des Spotts über den sich anbahnenden
Massentourismus, der als erstes den Rhein befiel. Insbesondere
Hoffmann von Fallersleben fühlte sich 1846 zu antibritischen Versen
gedrängt, die nur die Inferiorität der deutschen gegenüber der
britischen Satire unter Beweis stellten: "Sir Shropshire steigt in
Bonn ans Land / Mit seiner Gemahlin an der Hand. Sie gehen zu
Beethovens Monument / Den er aus dem Quarterly Review kennt. / Sie
kehren zurück in vollem Trab, / doch ist schon der Dampfer gefahren
ab. / Ein Schiffer will sie bringen an Bord / Und als er fährt, will
nicht zahlen der Lord. / Sir Shropshire stehet wie Robinson / Und
kehrt ganz gebildet zurück nach Bonn." Hoffmanns "Die Engländer am
Rhein" fand keinen Verleger.
Die Rheinromantik ist eine Strömung, die sich aus der Energie von
Netzwerken speiste, der Dichter, Musiker und Wissenschaftler
angehörten - einer Energie, die in den 1840er Jahren auch zu
politischen Zwecken genutzt wurde.
Insofern kann man es der Ausstellung im Arndt-Haus zum milden
Vorwurf machen, daß sie versucht, ihr reiches dokumentarisches
Material auf eine Weise inhaltlich zu gliedern, die
Zusammengehörendes nicht als zusammengehörend erscheinen läßt:
Dichtung, Musik, Politik und Tourismus werden in separaten
Abteilungen präsentiert. Weit eher wären es die Netzwerke selbst
gewesen - der Kreis um Schlegel, der Maikäferbund und andere
Freundschaftszirkel -, die eine erhellende Ausstellungsstruktur
hätten vorgeben können; dann hätten die unzähligen Quellen
möglicherweise noch klarer von den Antriebskräften der Rheinromantik
erzählt.
Der Katalog (15 Euro) hat, wie es beim von Ingrid Bodsch geleiteten
Stadtmuseum Bonn schon gute Sitte ist, bibliophile Qualitäten,
enttäuscht aber aufgrund der beiden einleitenden Aufsätze von Joseph
A. Kruse und Günther Massenkeil. Bei Kruses Ausführungen über
literarische Rheinbilder handelt es sich um den Wiederabdruck eines
Beitrags für eine Düsseldorfer Ausstellung im letzten Jahr, der bloß
überblickhaft Auskunft gibt, um alsbald in die gemütvolle
Aufforderung zu münden, weiterhin weinbeseelt die Schönheiten des
Flusses zu genießen. Auch Massenkeils "Bestandsaufnahme" über die
Rheinromantik in der Musik läßt jede über die bloße Aufzählung des
Repertoires hinausgehende Analyse vermissen. Die Noten des großen
Gesangs der Rheinromantik sind also nun an ihrem Platz, aber seine
Melodie bleibt vorerst so schön geheimnisvoll wie das Lied der
Loreley.
MICHAEL GASSMANN
Ein rheinisches Mädel erster Güte Von Ingrid Bodsch, der Direktorin des Stadtmuseums zu lernen, heißt Rheintochter und Rheinsohn zu werden. Von Günther Beyer und Horst Müller (Foto)
Man solle vorher eine Flasche Rotwein aufmachen, empfiehlt Ingrid Bodsch. Dann könne sich das Anhören dieser Lieder möglicherweise erträglich gestalten. Allerdings möchte sich der mit einer CD des Namens "Musikalische Rheinromantik" Beschenkte am Abend das komplette Programm geben und entkorkt deswegen einen ´98er Oberdollendorfer Laurentiusberg, Riesling/Spätlese. Wenn schon süffig, dann aber richtig. "Am Rhein, am grünen Rheine, da ist so milde die Nacht, die Rebenhügel liegen in goldner Mondespracht (. . .)."
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