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Tafelsilber von Andreas Emmel für Paul Joseph Freiherr von Landsberg-Velen




eine große ovale Terrine, zwei runde Terrinen, ein Paar vieflammige Girandolen, vier Leuchter


Geschichte - Herstellungstechnik und Erhaltungszustand - Ursprüngliche Zusammensetzung und Verwendung

Dank der großartigen Unterstützung der KulturStiftung der Länder, der Bundesbeauftragten für Kultur und Medien, der Stiftung Kunst und Kultur des Landes Nordrhein-Westfalen, der Sparkasse Bonn, der Stadt Bonn und Frau Anne Liese Gielen kann dieses Tafelsilber im StadtMuseum Bonn gezeigt werden.

Geschichte

Die Silberobjekte, die alle das sorgfältig gravierte Wappen der Freiherren von Landsberg tragen, gehören zu einem archivalisch außergewöhnlich gut dokumentierten Tafelservice. Nach Aussage der von Johann Michael Fritz 1964 veröffentlichten Quellen gab Paul Joseph Freiherr von Landsberg, Geheimrat am Bonner Hof des Kölner Kurfrüst-Erzbischofs Maximilian Franz von Österreich - des jüngsten Sohns der Kaiserin Maria Theresia -, das Speiseservice 1792 bei dem Bonner Goldschmied Andreas Emmel in Auftrag, wie der am 13. August des Jahres abgeschlossene Kontrakt detailliert belegt. Emmel hatte sich nach den vertraglich festgelegten Mustern zu richten und insbesondere den Weisungen des Grafen von Westphalen zu folgen, der im Auftrag des Freiherrn von Landsberg als künstlerischer Berater fungierte. Das aufgrund zusätzlicher Verträge ständig erweiterte Service gelangte 1794 zum Abschluß. Der Gesamtpreis für das 314 Teile umfassende Service, das ein Gewicht von 231 kg besaß, belief sich auf circa 25.000 Reichstaler. Das bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs im Besitz der Familie des Auftraggebers erhaltene Service wurde 1945 über den Kunsthandel zerstreut. Einige Teile des Ensembles gelangten 1975 ins Rheinische Landesmuseum in Bonn. Ihrer Bedeutung nach lassen sie sich freilich nicht mit den jetzt erworbenen Objekten messen: Hier handelt es sich um künstlerisch herausragende und kompositorisch zentrale Bestandteile des Services, die von Johann Michael Fritz 1964 in seiner tabellarischen Übersicht nur erwähnt und nicht abgebildet wurden, ansonsten aber bisher nicht publiziert sind.


Herstellungstechnik und Erhaltungszustand
Die drei Terrinen sind überwiegend in Treibtechnik gefertigt. Angesichts des ungewöhnlich hohen Gewichts wie auch der beachtlichen Größe der Werkstücke ist die makellose Meisterschaft der zumeist mit dem Treibhammer ausgeführten Arbeit höchst bemerkenswert; dies gilt auch für die ziselierten Details, wie etwa die Lanzettblätter am Korpus der großen ovalen Terrine und das Ornament unterhalb des oberen Randes der beiden runden Terrinen. Die Anwendung der Gußtechnik beschränkt sich dagegen auf die applizierten Elemente, wie die Füße, die Festons, die Löwenköpfe, die Perlstäbe und die Knäufe einschließlich der Blattmanschetten. Hier besticht besonders die hohe Präzision der Oberflächenbearbeitung speziell in Form feinster Punzierungen. Unter weitgehender Vermeidung der stets riskanten Löttechnik sind die aufgesetzten Teile durch Schrauben, Nieten oder Stifte mit den getriebenen Korpusteilen verbunden. Auf solche Weise ließen sich zumindest die aufgeschraubten Stücke vor allem zu Reinigungszwecken leicht abnehmen. Bei den Leuchtern sind jeweils der Fuß sowie die Tüllen und die Tropfschalen getrieben, der Schaft ist gegossen.

Das Service ist ungewöhnlich gut erhalten. Gebrauchsspuren wie Kratzer und Dellen, die die Oberflächenerscheinung beeinträchtigen könnten, sind kaum festzustellen. Nur an einzelnen Partien finden sich kleinere Eindrückungen, so etwa am Fuß einer der Girandolen. Der ausgezeichnete Erhaltungszustand erklärt sich auch aus der Tatsache, daß die Serviceteile gewöhnlich in eigens gefertigten Futteralen verwahrt waren, die auch heute noch existieren. Ferner ist hervorzuheben, dass die Einsätz der Terrinen, die bei solchen Tafelgeräten oftmals verlorengegangen sind, sich hier komplett erhalten haben.

Ursprüngliche Zusammensetzung und Verwendung des Services
Wie aus der von Johann Michael Fritz 1964 vorgelegten Liste des ursprünglichen Bestandes hervorgeht, war das von A. Emmel gefertigte Service für 36 Personen bestimmt. Darauf deutet insbesondere die Zahl von 36 Besteckgestellten sowie von 36 Konfektbestecken: Die für den Dessertgang bestimmten Bestecke waren üblicherweise nur einmal vorhanden, während Tafelbestecke - namentlich unter dem Gesichtspunkt des Wechsels im Laufe der Hauptgänge - zumindeste in zwei Sätzen zur Verfügung stehen mußten. Die Zahl von 36 Couverts stellt eine an den deutschen Fürstenhöfen übliche Größenordnung dar, die sich in der Regel zwischen 30 und 40 Gedecken bewegte (wobei man generell ein Vielfaches des Dutzends bevorzugte): Das 1763 gelieferte Tafelservice des Hildesheimer Fürstbischofs umfaßte 30-36 Couverts, die 1766 und 1769 für den Würzburger Fürstbischofshof bestellten Silberensembles waren auf 40 bzw. 30-36 Gedecke ausgelegt. Dementsprechend wies das Landsbergsche Service - wie es der weitgehend durch die Regeln der Tafelsitten und des Tafelzeremoniells festgelegten Zusammensetzung solcher Komplexe entsprach - sechs Terrinen verschiedener Größe auf, zudem 72 Platzteller sowie zahlreiche Schüsseln unterschiedlicher Form, ferner vier Saucieren, zwölf Salzfässer, zwölf Tafelleuchter und vier mehrarmige Girandolen, die in ihrer Gesamtheit zu einer gleichermaßen kompositorisch ausgewogenen wie durch rhythmisch sich wiederholende Akzente bestimmten Präsentation der festlichen Tafelzier führten. Hinzu kamen modernere Tafelgeräte, wie die mit einem Holzstiel versehenen Kasserollen, die das Servieren heißer Speisen unmittelbar an der Tafel ermöglichten. Hingegen fehlten die als maßgebliche Elemente zu den Rokoko-Servicen zählenden Tafelaufsätze, die gegen Ende des 18. Jahrhunderts bereits aus der Mode gekommen waren.

Nach Umfang und Programm des Gesamtbestandes, nach Größe und Gewicht der Einzelteile wie auch nach dem künstlerischen Anspruch - insbesondere auch dem Streben nach Modernität im Sinne des "style Louis XVI" - vermochte das Landsberg-Service durchaus mit den für die Fürstenhöfe bestellten Servicen zu konkurrieren. Um so bemerkenswerter erscheint die Tatsache, daß der Auftraggeber kein Souverän, sondern ein offensichtlich äußerst vermögender Angehöriger des westfälischen Adels war, der zwar ein Amt am Hof des Kölner Kurfrüst-Erzbischofs bekleidete, aber dort augenscheinlich keine herausragende Stellung einnahm. So muß der Gesamtbetrag von circa 25.000 Reichstalern, der von Paul Joseph Freiherr von Landsberg allein aufzubringen war, als exorbitant bezeichnet werden, wie der Vergleich mit zwei von fürstlichen Auftraggebern bestellten Ensembles erweist: Das 1718 von August dem Starken in Augsburg bestellte silbervergoldete Service kostete etwa 29.852 Reichstaler, für das 1763 nach Hildesheim gelieferte Service wurden etwa 21.922 Reichstaler in Rechnung gestellt (zur Aufbringung der zuletzt genannten Summe war eine langfristige Verschuldung des Hochstifts unumgänglich).

(Lorenz Seelig)

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