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Mathilde Wesendonck

(1828-1902)


"Eine edle Frau, eine vornehme Seele"

Mathilde Wesendonck nach einem Gemälde von Sohn (1850) Öl a. Lwd. StadtMuseum Bonn, Inv. Nr. SMB 1991/G313




Bonn. Dem Namen nach ist sie eine der bekanntesten Frauen des 19. Jahrhunderts - aber viele Einzelheiten ihres Lebens liegen im Dunkeln. Wenn über Mathilde Wesendonck geschrieben und gesprochen wurde, dann nur in ihrer Konstellation zu Richard Wagner.
Eine Biografie über die am 23. Dezember 1828 in Elberfeld geborene und am 31. August 1902 im österreichischen Traunblick gestorbene Dichterin, Muse und Mäzenin liegt bis heute nicht vor.

Mathilde Wesendonck trat nie aus dem Schatten ihres Mannes hinaus, jener Kaufmann Otto Wesendonck, der in den 50-er Jahren des 19. Jahrhunderts Richard Wagner unterstützte, als dieser nach der Flucht aus dem 1849 von der Revolution erschütterten Dresden viele Jahre in der Schweiz lebte.

Wagner gab in jenen Jahren in Zürich Konzerte und dirigierte an der Oper "Der fliegende Holländer" und "Tannhäuser". Otto und Mathilde Wesendonck, die Zürich als Wohnsitz gewählt hatten, waren von seinem Genie und seinem Talent beeindruckt. Sie zahlten immer wieder seine nicht geringen Schulden und boten ihm im Jahr 1857 an, in einem kleinen Gartenhäuschen unweit der prachtvollen Villa der Wesendoncks in Zürich zu wohnen, um hier versehen mit einer Apanage sorgenfrei den "Ring des Nibelungen" zu vertonen.

In dieser Zeit unterhielt Mathilde Wesendonck einen literarisch-musikalischen Salon in ihrem Haus. Nicht nur Franz Liszt war in diesem erlesenen Kreis, der sich aus der Zürcher Intelligenz zusammensetzte, ein gern gesehener Gast. Auch Hans von Bülow und seine Gattin Cosima statteten auf ihrer Hochzeitsreise Wagner in seinem von ihm so benannten Asyl einen Besuch ab.

Im September 1857 las Richard Wagner dieser exklusiven Gesellschaft die Dichtung seiner Handlung in drei Akten "Tristan und Isolde" vor. Wagners Frau Minna, die ihrem Mann seit 21 Jahren eine getreue Gefährtin und besonders während der Pariser Notjahre fest zu ihm gehalten hatte, beobachtete missliebig wie Wagner sich mit der 30-jährigen Mathilde fast täglich am späten Nachmittag traf, um sie mit dem neuesten Stand seiner Kompositionen vertraut zu machen, gemeinsam zu musizieren, Goethe und Calderon zu lesen.

Es war offensichtlich, dass der 44-jährige Wagner sich in Mathilde verliebt hatte und sie als seelische Inspiration für seine Oper "Tristan und Isolde" brauchte. Otto Wesendonck war ein tüchtiger Geschäftsmann, der es zuließ, dass die Mutter seiner drei Kinder Myrrha, Guido und Karl sich mit Wagner austauschte, ohne dass Konventionen durchbrochen wurden.

Mathilde musste Wagner, der seit vielen Jahren zum ersten Mal ein Leben ohne finanzielle Not führte, wie ein Engel erscheinen. Der Engel heißt auch eines der fünf weltbekannten Lieder nach Gedichten von Mathilde Wesendonck, die Wagner im Dezember 1857 vertonte.

Doch wie so oft in Wagners Leben setzten Ereignisse, an denen er nicht ganz unschuldig war, eine Zäsur. Minna Wagner fing am 7. April 1858 einen Brief ihres Gatten an Mathilde ab, den sie öffnete und las. Er war in eine Bleistiftskizze des Tristan-Vorspiels eingerollt und endete in Wagner überschwänglich-unschuldigen Worten: "Nimm meine ganze Seele zum Morgengruße".

Minna war außer sich, denn sie sah darin den Beweis seiner vermeintlichen Untreue. Minna ging zu Mathilde und machte ihr eine Szene. Der Skandal - und in der feinen Zürcher Gesellschaft wurde bereits getuschelt - konnte von Otto Wesendonck gerade noch verhindert werden. Er stellte sich vor seine Frau und zog sich mit ihr gekränkt durch Minnas Unterstellungen vom Ehepaar Wagner zurück.

Nachdem Richard Wagner in König Ludwig II. einen neuen Gönner gefunden hatte und mit Cosima zusammenlebte, kühlte seine Freundschaft zu den Wesendoncks ab, die ihn gelegentlich wieder finanziell unterstützt hatten. Das Ehepaar wohnte ab 1872 in Dresden und ließ sich 1882 in Berlin nieder.

Selbstverständlich besuchten die Wesendoncks 1876 die ersten Bayreuther Festspiele mit der Uraufführung des "Ring des Nibelungen". Mathilde Wesendoncks Sammlungen Natur-Mythen (1865) Alte und neue Kinderlieder (1890) und Deutsches Kinderbuch in Wort und Bild (1869) wurden später nie mehr aufgelegt und die "Dramatischen Bilder" Friedrich der Große (1871) und Edith oder die Schlacht bei Hastings (1872) erschienen unaufgeführt als Privatdrucke in geringer Stückzahl.

Der Sohn Hans war 1882 in Berlin während seiner Bonner Studienzeit gestorben. Zur gleichen Zeit befand sich der Ehemann ihrer Tochter Myrrha als Rittmeister im Regiment der Königshusaren in Bonn. Die Wesendoncks erwarben ein Familiengrab auf dem Bonner Friedhof, auf dem das Paar schließlich zusammen mit seinen Kindern Hans und Myrrha zur letzten Ruhe gebettet wurde.

Otto Wesendonck starb 1896. Mathilde Wesendonck verbrachte ihre letzten Lebensjahre auf einem Landsitz im Salzkammergut. Sie stiftete der Stadt Bonn ihren Gemäldenachlass mit den Portraits von Familienmitgliedern und ein unbekannt gebliebenes Gemälde, das Richard Wagner zeigt.

Schon einen Monat nach dem Tod von Mathilde Wesendonck versuchte Cosima Wagner von Bayreuth aus, die Veröffentlichung der Briefe und Tagebuchaufzeichnungen von Richard Wagner an seine ,Muse' zu verhindern, damit kein ,Makel' auf die in der damaligen Zeit von Bayreuth aus betriebenen biografischen Aufarbeitung des Lebens Wagners fiel.

Nach einem Rechtsstreit konnten die Briefe Wagners an Mathilde und Otto Wesendonck 1903 und 1905 erstmals veröffentlicht werden. Doch man wird Mathilde Wesendonck nicht gerecht, wenn man ihr Leben nur auf die Begegnung mit dem Genie bezieht. Sie war von tiefen Gefühlen geprägt und von Bildungseifer erfüllt, war liebend und entsagend. "Sie war eine edle Frau und eine vornehme Seele", schrieben die Bayreuther Blätter 1902 in einem Nachruf.

Informationen: Das Stadtmuseum Bonn veranstaltete am 30.06. und 07.07.2002 auf der Rheinterrasse des Ernst-Moritz-Arndt-Hauses im Rahmen des "Jahres der Rheinromantik" ein moderiertes Portrait-Konzert (bei Regen im Historischen Hörsaal des Akademischen Kunstmuseums). Mit Nicola Müllers (Gesang), Stefan Rütter (Klavier) Renate Heuser (Rezitation), Peter Penewsky (Rezitation) Jürgen Gauert (Moderation)

(18.06.2002) Jürgen Gauert

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